Es ist Donnerstag Nachmittag gegen 15:00, als wir gemeinsam am Col de Verde essen und trinken, um auf die kommenden Stunden irgendwie vorbereitet zu sein. Zu diesem Zeitpunkt waren Carmen, Henrik und ich bereits geschlagene 3,5 Tage auf dem GR20 unterwegs. Als wir am Vormittag nach einem endlos erscheinenden Abstieg Vizzavonna erreicht hatten, schmiedeten wir gemeinsam mit Michael den Plan, das 20km-Teilstück bis zum Col de Verde auszulassen und von dort weiterzugehen. Der Zeitplan war einfach nicht mehr zu halten. Auf der Autofahrt wird mir dann schlecht und ich friere, mein Kreislauf gibt mir ein sicheres Zeichen, dass doch eine Pause angebracht sei. Trotz meiner Zuversicht, es versuchen zu wollen, reden mir Carmen und Henrik ins Gewissen, dass es die einzig vernünftige Entscheidung wäre, für einen Tag auszusetzen und nicht mitzugehen. Ich hatte unsere Berg-Kombo zuvor eh schon recht zuverlässig aufgehalten. Ich beuge mich ihrem Zureden, auch wenn mir bewusst ist, dass es für mich mit dem kompletten GR20 dann eben nichts mehr werden wird und schicke die beiden mit einem weinenden Auge auf die weitere Reise – mit der Hoffnung, sie am Freitag am Col de Bavella gesund wiederzusehen.

Aber was war eigentlich bis dahin passiert? Dass wir hinter der geplanten Zeit waren, lag vornehmlich an einem Element, das wir in unserer Planung wenig bis gar nicht einkalkuliert hatten: der Schnee. Die 5,5d sind an sich schon sehr ehrgeizig (normalerweise benötigt man auf den 16 Etappen eben gute zwei Wochen). Dieses Jahr hielt sich der Schnee in den höheren Lagen länger als in den Jahren zuvor. Bereits am ersten Tag mussten wir auf dem letzten Anstieg durch ein Schneefeld. Das war jedoch vergleichsweise harmlos zu dem, was uns am zweiten und dritten Tag erwartete. Der Abstieg vom Pointe des Éboulis war kreuzgefährlich, da der Hang sehr steil war und man keine Spuren nutzen konnte. Wir versuchten uns nach langem Zögern am kontrollierten Runterrutschen, das alles andere war – aber nicht kontrolliert. Es war einer dieser drei Schlüssel-Momente, wo ich mich mehrfach gefragt habe, wie ich aus der Nummer wieder unversehrt rauskommen sollte. Das Video mag witzig aussehen, aber es war niemandem mehr zum Lachen zumute:

Die ersten beiden Tage ist ein großes Brett zu bohren, 3200HM bis Haut Asco sind eine Ansage. Aleine der letzte Abstieg runter ins Dorf hat mir alles abverlangt. Es gibt einfach keine Passagen zum Erholen, sowohl Körper als auch Kopf sind ununterbrochen im Einsatz. Gelaufen sind wir auf der ersten Etappe fast gar nichts. Klettern, klettern, klettern heißt die Devise. Als wir um 18:00 schließlich am Hotel ankamen und das kalte Erdinger schlürften, ahnten wir bereits, was uns die kommenden Tage noch bevorstehen würde.

Carmen zieht die Ketten hoch.

Nach dem Schnee-Fiasko und dem Abstieg zum Refuge de Tighiettu wurde es erstmals laufbar und wir zogen mit neuer Zuversicht die Trails in Richtung Castel De Vergio, wo uns Michael und Julian bereits erwarteten. Hier verpflegten wir uns erstmal und packten alle Sachen zusammen für die Nacht auf der Hütte. Es ging nochmal einen Berg hoch, zudem fing es dann auch zu regnen an und wir mussten erstmals unsere Regenjacken einsetzen. Allmählich dämmerte es und es war trotz laufbarer Trails noch sehr zäh, bis wir schließlich um 22:30 im Dauerregen die Refuge de Manganu erreichten.

die letzten Meter zur Manganu

Schon auf dem Weg dorthin schlug ich vor, dass wir am Morgen zum Castel zurückgehen sollten. Ich hatte gehörig Respekt, dass wir auf dem Bocca à e Porte auch soviel Schnee haben werden und wollte einen weiteren gefährlichen Abstieg unbedingt vermeiden. Am Abend waren wir dann zu kaputt, um final zu entscheiden und legten uns nur noch in die Hütte, um etwas zu ruhen. An Schlaf war nicht zu denken, der Kopf und der Körper waren immernoch im absoluten Bewegungsmodus. Und so ging es morgens sehr gemächlich in die Gänge, nachdem wir unsere Fertigmahlzeiten verzehrt und alles gepackt hatten, war es schon 07:30 Uhr. Warum wir dann letztendlich den Weg nach oben angeschlagen haben, lässt sich im Nachgang nicht mehr aufklären. Es war so etwas zwischen “wir schauen uns das erstmal an und kehren dann wieder um” und “irgendwie wird es schon gehen”.

Vor dem Schnee zogen wir die Grödel über (ich hatte meine erst am Montag Abend im Hotel gekauft!) und zogen nach oben. Es war noch sehr eisig und der Schnee war hart. Man konnte sich aber recht gut “einhacken” und so zog ich voraus, um nach kurzer Verwirrung doch auf dem richtigen Weg zu landen, der uns über die Scharte führte.

Wer würde sich trauen?

Dann wurde es haarig: wir saßen oben und sahen den schmalen Pfad am Fels entlang, der Hang nach links war steil und Absturzgelände. Zudem konnte man von dort nicht erkennen, wie der Weg weiterging. Ich plädierte für den (ebenfalls abenteuerlichen) Rückweg. Während wir beratschlagten, tauchten vier französische Trailrunner auf, die wir über die gesamten Tage immer wieder trafen. Sie fackelten nicht lange und marschierten den Pfad entlang. Der erste von ihnen hatte Steigeisen an und “spurte” für alle Nachkommenden. Wir fassten uns ein Herz und tippelten hinterher. Immer am Fels gelehnt, den linken Stock fest im Schnee, dauerte das Ganze eine gefühlte Ewigkeit. Der eine falsche Schritt…lieber nicht darüber nachdenken, was da hätte passieren können.

Schnee, Schnee, Schnee

Der Ausblick war spektakulär und die Route blieb weiter extrem anspruchsvoll. Auch im weiteren Verlauf durchquerten wir unzählige Schneefelder. Grödel an, Grödel aus, Stöcker rein, Stöcker raus. Der Autopilot war eingeschaltet. Bis wir auf der Refuge de Petra Piana waren, vergingen Stunden. Die Füsse wurden nicht mehr trocken, da wir ständig Flußläufe querten, die den Schnee von den Bergen trugen. Die Füße weichten langsam aber sicher auf. Nach dem Essen auf der Hütte schlugen wir offensichtlich den falschen Weg nach unten ein und landeten auf der nicht-alpinen Route. Das Mißgeschick fiel uns aber erst später auf und so konnten wir auf dem gut laufbaren Weg etwas Strecke machen. Trotzdem waren wir viel zu langsam unterwegs, um das Tagesziel – Vizavonna – noch zu erreichen.

Der Aufstieg auf die Refuge de L’Onda tat nur noch weh und als wir dort gegen 18:30 eintrafen, war die Entscheidung, von hier nicht weiterzugehen, sehr schnell einstimmig gefallen. Wir bekamen noch einen Platz im Schlafsaal (der 200m über dem Restaurant lag!), duschten mit warmen Wasser und vertilgten eine große Pizza. So kamen die Lebensgeister langsam zurück und wir entschieden, dass wir gleich morgens um 05:00 losgehen würden. Wir hingen dem ursprünglichen Zeitplan nun ordentlich hinterher, da die Ankunft in Vizavonna eigentlich am Abend zuvor geplant war. Da Henrik sich aber gut an den Abstieg erinnerte, wäre das Risiko, diesen durch die Dunkelheit zu nehmen, viel zu hoch gewesen. Und genau dies bestätigte sich auch morgens. Wir stiegen in ca. 1:30h recht langsam zum Gipfel auf. Der Sonnenaufgang war gigantisch. Der sehr technische Teil oben konnte uns nicht mehr schocken, jedoch war der Abstieg elendig lang und zudem sehr anspruchsvoll. Die Füße brannten ordentlich und wir kamen nur sehr gemächlich dem Tal entgegen. Immer wenn man dachte, dass die Baumgrenze und ein kleines Wäldchen das Ende bedeuteten, wurde man schnell eines Besseren belehrt: es wollte kein Ende nehmen. Als es das erste Mal ein wenig laufbar wurde, knickte ich mit dem linken Fuß auf einem Stein um. Das passiert schon öfters, aber es war eben doch nicht ganz folgenlos. Das Auftreten schmerzte ordentlich. Henrik legte mir ein straffes Tape zur Stabilisierung um, das Carmen dabei hatte. Ich hielt die Gruppe aber weiter auf, so dass wir erst gegen 10:30 Michael und Julian begegneten, die auf uns kurz über der Straße warteten. Im Hotel bekamen wir immerhin noch Frühstück, wir ließen uns Zeit beim Auftanken und schmiedeten gemeinsam einen Plan, wie wir die Zeit irgendwie aufholen konnten.

Sonnenaufgang auf dem Aufstieg zum Pointe Muratello

Wir fuhren im vollgepackten Auto zum Col de Verde, um dann von dort den weiteren Weg in Angriff zu nehmen. Ca. 20km sparten wir durch die Fahrt ein. Die Fahrt bekam mir überhaupt nicht, mir wurde schlecht und auch mein Kreislauf zickte herum. Nach dem Essen im Bergrestaurant redeten mir Carmen und Henrik ins Gewissen, dass ich doch lieber eine Nacht pausieren sollte, um nichts zu riskieren. Ich war hin- und hergerissen, lies mich aber dann darauf ein, weil ich auch wußte, dass es um meinen Zustand nicht so gut bestellt war. Zudem war ich mir sicher, dass die beiden ohne mich viel schneller vorankommen würden. Und so verabschiedeten wir uns dann schweren Herzens und Carmen und Henrik zogen den Berg hoch, um an diesem Tag noch 1500 Höhenmeter zur Refuge d’Usciolu zu meistern. Ich fuhr mit Michael zurück nach Zonza, um dort in einem sehr schönen kleinen Hotel die Nacht zu verbringen. Dies sollte kleine Wunder bewirken, denn am nächsten Morgen fühlte ich mich gleich wie neu geboren und entschied, die geplante Bavella-Runde mit Michael und Julian mitzugehen. Das erste Lebenszeichen von Carmen und Henrik kam erst gegen 09:00 – die beiden waren aber wohlauf und schon unterwegs zum Monte Incudine. Ich war mir sehr sicher, dass sie die Challenge auch wirklich meistern würden.

Refuge d’Usciolu – das Nachtlager von Carmen und Henrik

Monte Incudine

Mit Michael und Julian startete ich am Bavella-Pass dann die Runde zu den Bavella-Türmen. Es sollten 12km werden und unterwegs kreuzten wir auch den Weg, den Carmen und Henrik hochkamen, so dass wir dann gemeinsam zum Parkplatz absteigen konnten. So der Plan. Nach 5km trennten wir uns jedoch, weil Julian mehr Zeit benötigte und Michael mir riet, schon einmal vorzugehen (und mir zum Glück auch noch den Autoschlüssel gab). Ich wetzte alleine los, dachte ich doch, dass Carmen und Henrik uns voraus sein müssten. Auf dem Abzweig zur alpinen Route war ich mir zunächst unsicher, ob das auch der richtige Weg sei – ich hatte den Track nicht auf der Uhr. Zum Glück entschied ich mich richtig und zog relativ zügig den steilen Weg nach oben. Die Aussicht war gigantisch und spektakulär.

Ketten auf dem Weg

Es wehte ein ordentlicher Wind und ich machte mich schnell an den Abstieg, war doch von der Zweier-Seilschaft nichts zu sehen. Und der Abstieg hatte es durchaus in sich. Mich irritierte teilweise, welche Menschen mir auf dem Weg entgegenkamen (Familen mit kleinen Kindern, Frauen in Sommerkleidchen), aber so richtig verwunderte mich nach diesen Tagen nichts mehr. Ich kam nach etwas über 4h am Parkplatz an und entdeckte Tom, Carmens Mann, der neben seinem Fahrrad im Gras verweilte. Er hatte zum Glück ein GPS-Signal von Carmen und zeigte mir, dass sie nur noch 1,4km entfernt waren. Ich packte meinen Rucksack ins Auto, füllte etwas Cola in eine Flask und machte mich wieder auf den Weg nach oben. War ich also doch zu schnell gewesen!

Julian kam zuerst herunter und wenig später erblickte ich auch Henriks Shirt. Die Wiedersehensfreude war enorm, waren wir beide doch sehr erleichtert, dass alles so gut ausgegangen war. Beide sahen ziemlich erledigt aus, aber das war mehr als verständlich nach diesem harten Tag. Wir gingen gemeinsam herunter und stärkten uns im Restaurant.

Carmen und Henrik nach 4,5d.

Schließlich brachen wir gemeinsam mit Tom zur Refuge d’i Paliri auf, wo wir einen letzten Abend verbringen wollten, um dann die finalen 13km am Samstag Vormittag unter die Füße zu nehmen. Niemand hatte es mehr eilig und auch die letzten Höhenmeter konnten niemanden mehr beeindrucken. Aber auch hier galt: es gibt nichts geschenkt auf diesem Weg. Die Paliri liegt wunderschön eingebettet in die Berglandschaft und war ganz klar die beste Hütte, die wir in diesen Tagen erlebt haben.

Sonnenaufgang, Blick von der Paliri

Um kurz nach 6 zogen wir wieder los. Es bestand kein Zweifel, dass auch diese letzten Kilometer machbar waren und wir wohlbehalten das Ziel in Conca erreichen würden. Getrödelt wurde trotzdem nicht. Der Weg war anfangs noch recht anspruchsvoll, wurde aber dann immer laufbarer. Wir stoppten an einer wunderschönen Gumpe und nahmen ein Bad im eiskalten Wasser.

Fantastische Aussichten

Es ging noch einmal 400 Höhenmeter rauf und satte 1200 Höhenmeter runter. Tom legte sich auf dem Trail noch einmal quer, aber auch das hielt diese Grupppe nicht mehr auf. Das Ende des Weges ist verdammt unspektakulär: Henrik musste uns zweimal sagen, dass der GR20 hier nun ein Ende hat, als wir die Straße in Conca erreichten. Und wie immer ist es sehr unwirklich, dass alles nun so schnell vorbei sein sollte.

Ziel des GR20 in Conca

Wir liefen noch die Straße herunter bis zum Restaurant und legten dort erstmal die Beine hoch, bis Michael und Julian eintrafen und uns die T-Shirts übergaben. Carmen und Henrik bekamen die verdiente Gürtelschnalle überreicht. Zum kompletten Weg über 180km fehlten den beiden am Ende die ca. 20km, die wir mit dem Auto zum Col de Verde zurückgelegt hatten. Ich hatte 130km auf der Uhr stehen. Wir waren uns aber alle sehr einig, dass wir das Abenteuer ohne den Schnee mit ziemlicher Sicherheit gemeistert hätten. Wir hatten am zweiten und dritten Tag immens viel Zeit verloren, als wir durch die vielen Schneefelder stapften. Das war dann nicht mehr aufzuholen.

der verdiente Buckle

Was nehmen wir mit von dieser unglaublichen Reise? Der GR20 ist ein Biest. Zu denken, dass man den Weg im alpinen Stil mal eben durchrennen kann, ist eine maßlose Fehleinschätzung. Mit Laufen hat das Ganze wirklich wenig zu tun. Vielmehr heißt es Klettern und das meist auf allen Vieren, um ja nicht den Halt zu verlieren oder abzustürzen in diesem sehr unwegsamen Gelände. Die Abstiege sind meist anspruchsvoller als die Aufstiege. Wenn auch noch Schnee dazukommt, sollte man sich sehr sicher sein und zudem unbedingt über alpine Erfahrung verfügen. Durch diese Berge zu steigen, ist wahrlich nichts für Anfänger. Wir hatten das große Glück, dass wir mit Carmen eine verdammt fitte und toughe Kameradin hatten, die uns in den meisten Situationen überlegen war und unser Team unglaublich gut ergänzte. Eine richtige Schwächephase konnte ich bei ihr zu keiner Zeit wahrnehmen. Wir haben gut auf uns geachtet und ziemlich perfekt zusammengearbeitet. Natürlich kennen Henrik und ich uns sehr gut, aber dass sich jemand so gut in das Team einfügt, den man vorher noch nie gesehen hatte, das war wundervoll zu sehen und hatte mit Sicherheit einen großen Anteil an dem Erfolg unseres Vorhabens. Auf dem Flug zurück haben wir beide beschlossen, dass wir irgendwann noch einmal zurückkehren werden. Nicht nächstes Jahr und auch nicht 2028. Aber diese Insel ist so beeindruckend und hat uns einfach nicht losgelassen. Trotz aller Strapazen war es eine unvergessliche Woche, die noch lange in den Köpfen hängenbleiben und uns auf unserem weiteren Weg begleiten wird. Wohin? Wer weiß das schon so genau.

Danke Korsika!

Wer mehr Informationen zum GR20 möchte, Wikipedia gibt einen (ganz) kleinen Einblick.