It’s that time of the year again.

So hat Marek in einem Instagram-Beitrag nüchtern das Mauerweglauf-Wochenende eingeleitet. Inzwischen ist es Tradition, dass wir uns gemeinsam auf diesen langen Weg um das ehemalige West-Berlin begeben. Eine Tradition nicht ausschließlich in sportlicher Hinsicht.

Denn der Mauerweglauf ist ein Gedenklauf. Darauf kann man nicht oft genug hinweisen. Wer hier mitläuft, bewegt sich auf den Pfaden, auf denen bis 1989 Menschen erschossen wurden, weil sie versucht haben, in die Freiheit zu fliehen. Auf die Medaille ist das Gesicht von Wernhard Mispelhorn geprägt, der am 20.08.1964 in Pankow durch Schüsse verletzt und über Stunden vom Regime nicht erstversorgt wurde.

Zusammen mit Jan vom ASV Zeuthen gingen wir am Samstagmorgen um 5:30 Uhr zum Start im Cantianstadion. Das Hotel Kastanienhof beherbergte uns für das Wochenende, das nur ein paar Gehminuten von Start/Ziel entfernt liegt. Das machte die Logistik rund um den Lauf so viel entspannter.

Wir liefen länger zusammen als in den Vorjahren – aber viel zu schnell. Marek hörte Musik und wollte nicht so viel plaudern. Mit deutlich unter 6 min/Km erreichten wir den Ruderclub Oberhavel in Hennigsdorf bei Km 32, wo uns Stefan, zweiter Läufer der ASV-Viererstaffel, begrüßte.

Weiter ging die Reise bis Falkensee, wo unsere heiß erwarteten Radbegleitungen auf uns warteten. Ich nahm etwas Tempo raus, so dass ich die gut 18 Km allein unterwegs war. Ich war mir sicher, dass Marek jetzt sein gewohntes Tempo aufnimmt und den Vorsprung stetig ausbauen würde. Im Bereich ab 30 Km bekomme ich erfahrungsgemäß einen ersten Dämpfer.

Doch so kam es nicht. In Falkensee (Km 50) nahm mich nicht nur Marco in Empfang, auch Marek und Cindy legten gemeinsam mit uns ab. Es war kurz nach 11:00 Uhr und die Mittagssonne ballerte schon gnadenlos runter. Das Vorgeplänkel war nun langsam erledigt.

Wir quälten uns schon ein wenig und die Gehpausen häuften sich. Marek hatte sichtlich Probleme, das Tempo zu halten, auch wenn die Symptome noch unspezifisch waren. Das Zusammenlaufen funktionierte nur stellenweise. Beim besten VP des Laufs –Pagels and Friends– ging es Marek schon schlecht.

Es hilft nichts, man muss essen, essen, essen, ansonsten folgt die Quittung. Nicht sofort, aber schleichend. Marco hatte sich wahnsinnig gewissenhaft auf die Radbegleitung vorbereitet und füllte das Halstuch stetig mit Eiswürfeln, so dass mein Nacken durchgängig gekühlt wurde – ein Lifesaver. Und er hielt mich immer wieder an, zumindest die Kekse zu essen.

Auf dem Weg nach Sacrow hatten wir Marek verloren. Ich hatte ein regelrechtes Hoch und flog die Straße nach Sacrow runter. Ist heute DER Tag? Für Übermut war es zu früh. Was gleich wieder in Sacrow bestätigt wurde, denn dieser VP war eine große Enttäuschung. Kein Schattenplatz und die eklig warmen Getränke – ich wollte nur schnell weiter.

Marek traf nicht so viel später ein und wirkte zerknirscht. Die Überzeugung war längst gewichen. Aber wir haben so viel Erfahrung, um zu wissen: noch war nichts verloren und es war noch nicht mal Halbzeit. Falk und Cindy kümmerten sich um ihn, so dass ich mit Marco weiterzog – es gab in der Hitze von Sacrow nichts mehr zu tun.

Der Weg nach Krampnitz war schattig und fast langweilig. An der Revierförsterei wartete mein Freund David mit kaltem Ginger Ale, was ein paar Lebensgeister in mir wiedererweckte. Support jedweder Art ist so wichtig auf diesem langen Weg.

Meierei, Glienicker Brücke, Griebnitzsee passierten wir recht langsam, aber souverän. Ich versuchte, nicht zu überdrehen und das Tempo in den heißesten Stunden des Tages zu kontrollieren. Wie das auch immer möglich war. In Potsdam hielten Kinder die Dusche vor dem Gartentor bereit. Marco füllte die Eiswürfel im Edeka nach.

Bis Teltow waren es noch gute 15 Km. Selbst über den eintönigen Königsweg ging es ohne größere Schwierigkeiten. Geschmeidig war das alles nicht mehr. Und recht einsam, weil wir uns im läuferischen Niemandsland bewegten. Einzelläufer trafen wir nur ganz gelegentlich. Aber einen, den wir in Erinnerung behalten sollten.

Christian, Jahrgang 1959, holten wir auf dem Königsweg erstmals ein. Er war recht langsam unterwegs, aber er lief. Wie ein Uhrwerk. Marco und ich schauten uns an und kamen nicht klar darauf, warum wir ihn erst jetzt überholten. Wie hatte der es so weit vor uns geschafft? Wir würden seinem Geheimnis später auf die Schliche kommen.

Die Erleichterung über Teltow war groß, als wir nach knapp über 12 h eintrafen. So schnell habe ich es bisher nicht dahin geschafft. Wir nahmen uns nun Zeit für eine gute Versorgung und verbrachten etwa 30 Minuten in der Turnhalle. Tommy, Marco, David, Birgit – gleich vier Leute kümmerten sich rührend um mich. Ich beschloss, meine Schuhe nicht zu wechseln. Aber wo blieb Marek?

Um 18:30 Uhr rückte Team Marco/Henrik wieder aus. Eine Ehrenrunde drehten wir in Teltow, weil wir tatsächlich falsch abgebogen waren und die Bake fast umlaufen hätten. Glück gehabt! Marco gab mir dann schnell die Info, dass Marek am VP Königsweg mit Magenproblemen aufgegeben hatte. Das war ein herber Dämpfer für mein Gemüt.

“Dann sind wir jetzt auf einer Mission.”

Auf den endlosen Wegen bis zur Osdorfer Straße und zu “Ninas Eltern” realisierte ich erst, wie gut eingespielt wir inzwischen waren. Es brauchte nicht vieler Worte. Und Marco wusste gut einzuschätzen, wann ich reden wollte und wann eben nicht. Ich trank an den VPs selbst immer weniger, da er unsere eigenen Getränke in der Eisbox etwas runterkühlte und ich so kleinere Mengen, aber dafür regelmäßig trank.

Ein Tief holte mich vor Buckow ein, denn wir hatten beide nicht auf dem Radar, dass der VP stolze 8,8 Km hinter dem letzten lag. Es gibt einen Singletrail vor Buckow, der gefühlt niemals endet. Das Mindgame hatte längst begonnen und ich fühlte mich wieder als Verlierer.

In Buckow versuchten wir mehr oder weniger erfolgreich, meine Blase zu behandeln, aber die laute Musik (was soll das?) trieb mich förmlich von diesem VP weg. Die Henrik-Lange-Gedächtsnis-Bushaltestelle Leghornweg -hier hatte ich mich 2022 hingesetzt, um zu sterben- überliefen wir selbstbewusst.

Ich zwang mich, immer wieder anzulaufen und längere Passagen zu laufen, denn auch ab Rudow (Km 130) sollte man nicht nur gehen. Inzwischen war Andreas vom ASV auf dem Rad bei uns, der mich mit einem kühlen Red Bull und Eiscreme versorgte, Boah, war das gut.

Nun hatten wir Christians Taktik durchschaut. Er lief bei jedem VP durch, hielt nur kurz an, um sich Wasser in seine Flaschen füllen zu lassen. Da wir aber immer 5-10 Minuten verweilten, überholte er uns immer wieder. Letztmalig in Rudow, ab da waren wir dann doch zu schnell. Christian: Hochachtung!

Das Trio Infernale hatte Mitternacht erreicht, als es auf den ganz schlimmen, dunklen Radweg entlang der Autobahn ging. Hier braucht es Unterhaltung in Form von Musik oder guten Gesprächen. Marco und Andreas sorgten dafür. Trotzdem ist der VP Johannisthaler Chaussee gefühlte 50 Km entfernt.

Dort redete Sabine vom Team “Bergmücke” auf mich ein, die auch beim PSR in 10 Tagen am Start sein wird. Ich muss gestehen, ich habe zeitweise gar nicht realisiert, mit wem ich rede. Es war spät, es war dunkel, mein Körper schmerzte einfach überall. Ein Mann gab mir ein kühles alkoholfreies Bier aus seinem Lastenfahrrad. Habe ich mich überhaupt bedankt?

Gefühlt wurde nun jeder Kilometer immer länger, aber die beiden zählten für mich runter. “Jetzt steht eine 2 vorne” und als es nur noch 1 war, hatten wir den VP Kiefholzstraße erreicht. Hier stieg ich 2022 aus, weil ich keine Lust mehr hatte. Das passierte uns nicht nochmal. Rein nach Friedrichshain!

Ich mag den Trubel und die Menschen, das gibt mir Sicherheit, dass es nicht mehr weit ist. Schlesische Straße, Oberbaumbrücke, Eastside Gallery, größtenteils ging ich zügig, vielleicht ein Drittel konnte ich noch laufen. Meine Füße gehorchten mir nicht mehr 100%ig. Durch Mitte zog es sich elendig, aber am Checkpoint Charlie wartete Andi und sprach mir Mut zu.

Wir hauten Eisspray auf die Gelenke, ich nahm noch Gels(!) und wollte einfach nur in dieses Ziel. Am Kanzleramt war ich mir sicher: heute wirst du finishen. Selbst wenn ich ab jetzt auf allen Vieren kriechen müsste. Letzter VP: Mauerpark – ich ging einfach vorbei.

Es ist immer wieder faszinierend, wie der Geist mit dem Körper spielt. Auf den letzten 4,8 Kilometern werden plötzlich Kräfte frei. Wir rechneten, ob die Bestzeit aus 2018 (22:08 h) fallen würde. Ein letztes Hoch setzt ein und ich konnte wieder anlaufen, obwohl ich seit Checkpoint Charlie das Laufen eingestellt hatte. Und dann ist es fast unwirklich, dass der Jahnsportpark auftaucht und wir durch das Tor laufen.

Marek und Maik klatschen am Eingang der “Ehrenrunde” ab und jemand sagt “genieße die Stadionrunde”. Und ja, sie ist ein Genuss, auf diesen 400 Metern läuft der ganze Tag noch einmal vor dem geistigen Auge ab und mit jedem Meter weichen die Zweifel dem Stolz.

Berliner Mauerweglauf 2026 - Zieleinlauf Henrik

Eine intensive Reise fand nach 21:47 h ein Ende und die Nachwirkungen dieser Strapaze erspare ich uns an dieser Stelle. Denn wir Läufer haben das Talent, die Schmerzen zu verdrängen und uns nur an die positiven Erlebnisse zu erinnern. Und davon gab es so viele auf diesen 162 Kilometern.

Für die in erster Linie meine Radbegleitung Marco verantwortlich war. Junge, was war das denn bitte? Wir waren ein bärenstarkes Team. Ich habe mich sehr gut aufgehoben gefühlt. Und wenn ich noch mehr Drama veranstaltet hätte, ich bin sicher, du hättest auch das mit deiner besonnenen Art gemanaged.

Rainer Eppelmann hat auf der Siegerehrung eine wie immer wunderbare Ansprache gehalten. Er möchte 93 Jahre alt werden, weil er dann ein Jahr länger in der Demokratie als in der Diktatur gelebt hätte. Ich habe mir meine Medaille von ihm umhängen lassen und ihm gesagt, dass ich ihm das sehr wünsche und dass er bitte weitermachen möge. Seine Antwort: “Kommen Sie wieder!”

Wie könnten wir dieser Bitte nicht nachkommen?