Zu zweit läuft's besser.

Der Rennsteig liegt in Brandenburg

Der Rennsteig liegt in Brandenburg
22. Mai 2020 Marek

Die Startnummer, mit der wir auch auf dem Rennsteig laufen wollten.

Der Rennsteiglauf war so ziemlich der einzige Lauf, bei dem ich dieses Jahr bereits angemeldet war. Im Gegensatz zum Handeln manch anderer Laufveranstalter wurde die diesjährige Auflage zeitnah und sehr professionell abgesagt. Als „Ersatz“ wurde den Teilnehmern die Möglichkeit geboten, den Lauf anstatt auf der Originalstrecke auf eigene Faust woanders nachzuholen. #RennsteigLäuferAtHome war geboren. Also planten wir in kleiner Runde eine mögliche Route, die Wahl fiel auf den Landkreis Dahme-Spreewald südöstlich von Berlin. Falk klickte dankenswerterweise eine Runde zusammen, die möglichst die geforderten Kilometer des Rennsteig-Supermarathons (73,9km) aufweisen konnte. Die 1800 Höhenmeter sind auf einer One-Way-Route durch Brandenburg jedoch nicht realisierbar, aber das musste auch nicht unbedingt sein. Letztendlich standen wir zu zweit (Janos und ich) am Sonntagmorgen um 06:30 im brandenburgischen Brand am Bahnhof, schossen schnell ein paar Beweisfotos, starteten unsere Uhren und liefen bei noch kalten Temperaturen im Nieselregen in den Forst.

Gute Miene zum (bösen?) Spiel!

Das Wetter wollte sich nicht schnell bessern und es regnete teilweise sogar heftiger. Ich fragte mich schon, warum Janos die Sonnenbrille auf dem Kopf hatte, aber meine Frage sollte sich schon bald erübrigt haben. Die ersten Kilometer eines solchen Trips sind immer kurzweilig und fliegen förmlich vorbei. Wir orientieren uns an der GPS-Strecke auf meiner 920XT, die jedoch relativ ungenau ist, was die Kreuzungen angeht und wir daher schon am Anfang öfters von der Strecke abkommen. Das führt dann dazu, dass wir in Krausnick einen Zaun überwinden müssen, den beide Athleten auf höchst unterschiedliche Weise meistern. Aber auch die kleine Herausforderung wird geschafft und wir machen uns fortan auf den Weg in die Krausnicker Berge.

Kurs Aussichtsturm Wehlaberg

Wir bewältigen einen längeren Anstieg zum Aussichtsturm auf dem Wehlaberg. Schon hier zeigt sich teilweise anspruchsvolles Terrain, tiefe Sandwege wechseln sich mit gut laufbaren Waldwegen ab. Des Öfteren stehen wir vor dem Problem, dass die geplante Route an einer Kreuzung geradeaus zeigt, jedoch kein Weg mehr in diese Richtung zu erkennen ist. Also entweder eine andere Route und einen möglichen Umweg nehmen oder direkt ins Unterholz. Meist entscheiden wir uns für die letztere Variante, oftmals kommen wir dann recht schell wieder auf einen erkennbaren Pfad. Nachdem Janos die Frage zum Turmaufstieg verneint hatte, heizen wir den wundervollen Downhill in Richtung See herunter und erfreuen uns an der Kilometerzeit, die wahrscheinlich das letzte Mal für den Tag unter 5min liegt.

Wunderschöne Seen kommen uns zu Gesicht und hier kommt auch erstmals die Sonne raus, es wird merklich wärmer und die Gänsehaut auf unseren Armen verfliegt. Die ersten Camper sind bereits auf den Beinen und begutachten uns etwas ungläubig ob unseres Auftretens.

Ein Träumchen.

Es läuft rund und wir pendeln uns recht genau auf dem geplanten Tempo von ca. 05:20min/km ein. Noch sind die Beine und der Kopf frisch, dass dies keinerlei Schwierigkeiten bereitet. Natürlich bin ich mir sehr wohl darüber bewußt, dass sich dies früher oder später ändern wird. Die Frage ist nur, wann das erste Tief kommt. Ich mache mir mehr Sorgen, dass mich dies ereilt, Janos sieht noch immer taufrisch aus und ist guter Dinge. Er ist auch bei Weitem besser vorbereitet.

Auch Asphalt gab es!

Wir laufen in gutes Stück an der Dahme, welche uns bis ins Ziel an diesem Tag begleiten wird. Viele Menschen kreuzen nicht unseren Weg, dazu ist es wohl einfach noch zu früh und es sind auch nicht viele Ortschaften, die wir zu sehen bekommen. So langsam wird es auch wärmer und wir merken, dass das Wasser langsam zur Neige geht. Janos hatte zwei 0,5l Softflasks im Gepäck, ich nur eine (meine zweite musste ich daheim lassen, da ich erst frühs gemerkt hatte, dass diese undicht war). Es gibt nun auch einige Passagen, die komplett in der Sonne liegen. Das ist so überhaupt nicht meine Stärke und diese Teilstücke ziehen mir richtig Energie raus.

Und so sehnen wir uns nach der Tankstelle, die in der Ortschaft Groß-Köris liegen sollte. Auf dem Weg dorthin liegt die „Hammerstraße“, die mit schönstem dicken Schotter aufwartet und dank der prallen Sonne kein Ende nehmen will. Unsere Kommunikation wird nun auf das Wesentliche reduziert. Immerhin nehmen wir an der Revierförsterei „Hammer“ den letzten Umweg. Ich erkenne die Location vom Weihnachtsbaumschlagen wieder. Auch das motiviert ein wenig. Es geht in Richtung 40km und meine Beine werden müde. Komischerweise werde ich in solchen Situationen immer etwas schneller, wohl weil ich es schneller hinter mich bringen möchte. Daher können wir bis zum Tankstop sogar noch ein wenig zulegen. Lt. der Route auf den Uhren würden wir die Tankstelle sogar auslassen, zum Glück kann ich mich erinnern, wo diese genau war. Um den Teupitzer See bin ich schonmal rumgelaufen, auch wenn das schon einige Jahre her ist.

Nach einer Cola, einer Flasche Wasser, einer Banane und insgesamt 15min Pause geht es weiter in Richtung Norden. Schon bald haben wir den Ort wieder verlassen und ziehen durch den Brandenburger Wald. Nun allerdings deutlich langsamer als vor dem Zwischenstop. Der Marathon ist durch und wir rechnen aus, dass es mit den knapp 75km ausreichen kann, da wir schon ca. 3km Umweg auf den Uhren haben. Janos liegt konstant 500m vor mir und wir witzeln, dass ich diesen Vorsprung kaum mehr einholen kann. Es muss um den Kilometer 47 gewesen sein, als sich bei Janos das erste Mal ein Tief einstellt. Mir kommt es nicht so ungelegen, bewege ich mich doch schon längere Zeit auf dem Zahnfleisch. Wir nehmen weiter Tempo raus und legen die ersten Gehpausen ein. Janos ärgert sich sichtlich darüber, aber wir sind ja alle keine Maschinen und – auch wenn etwas früh – müssen wir mehr auf die Zähne beißen. In dieser Phase liegt diese kleine Erhebung vor uns:

Irgendwie quälen wir uns auch darüber und treffen auf dem Downhill sogar ein paar Läufer. Besser wird es nicht mehr, möchte man meinen, die folgenden Passagen durch schwieriges Terrain strengen mich wieder sehr an. Zum Glück geht es dann aus dem Wald raus, die Straße in Richtung Gräbendorf ist eine Wohltat, wir haben sogar etwas Rückenwind.

Kurze Meldung in die Heimat.

In Gräbendorf pausieren wir 5min, Janos muss sich etwas sammeln. Erste Zweifel am Finish kommen bei ihm auf. Ich gebe keinen Cent darauf und versuche, ihm den Zahn des DNFs schnell zu ziehen. Es ist ja nicht so, dass es mir super gehen würde, aber ich weiß auch, ein Abbruch zu dem Zeitpunkt denkbar ungünstig und vor allem auch unnötig wäre. Wir ziehen weiter. Ich versuche mich etwas mit Filmen von den nervigen Sandpisten abzulenken:

Der nächste kleinere Anstieg zieht mir dann den Stecker, Falk hat extra noch den Weinberg in die Route reingezaubert. Eine weitere Tankstelle ist weit und breit nicht in Sicht. Das demotiviert uns ordentlich, zumal mir nicht klar ist, welche weitere denn eigentlich noch geplant war. Zumal es endlos weiter durch den Wald geht und wir uns gegenseitig bemitleiden. Aber ich bin mir trotz allem sehr sicher, dass wir das Ding nach Hause laufen werden.

Irgendwann entkommen wir doch dem Wald, befinden uns unterhalb des Zeesener Sees und durchlaufen noch einen Teil des Tiergartens. Ich checke, dass der Bahnhof in Königs Wusterhausen der nächste Verpflegungspunkt werden wird. Dort, wo wir heute früh um kurz nach 6 in Richtung Tropical Islands aufgebrochen sind. Als wir die Uhren anhalten, fragt mich Janos, ob ich mitkommen würde, wenn er sich jetzt in die Bahn setzt. Ich sehe es eher als rhetorische Frage und antworte mit einem knappen „Nein“. Am Thai-Imbiß füllen wir die Flaschen nochmal auf und machen uns auf die letzten 8km.

Diese laufen dann erstaunlich konstant. Janos meint kurz vor Schluß, er hätte bei einem Lauf noch nie so gelitten wie heute. Vielleicht spielt da mit hinein, dass seine Erwartungshaltung etwas höher war als meine. Die „Zielgerade“ ist einfach nur schön, wir vermissen zwar die jubelnden Zuschauer in Schmiedefeld, sind aber mit unserer Leistung insgesamt im Reinen:

Wir beglückwünschen uns mit Corona-Abstand und ziehen noch auf ein Zielbier zu mir den Garten. Heute kam sogar schon das Finisher-Shirt an. #RennsteigläuferAtHome war also ein voller Erfolg, auch wenn wir viel lieber im Thüringer Wald unterwegs gewesen wären. Dann eben 2021 wieder von Eisenach ins schönste Ziel der Welt!

2 Kommentare

  1. Andreas 5 Monaten vor

    Hallo Marek,
    tolle Aktion, Glückwunsch an euch beide – Wahnsinn, dass ihr das trotz aller Zweifel zwischendurch dann doch noch so konsequent durchgezogen habt! Schmiedefeld liegt in Brandenburg, wer hätte das gedacht 😉

    • Autor
      Marek 5 Monaten vor

      Danke Andreas, die Tiefs gehören beim Ultra einfach dazu. Wirklich gezweifelt hatten wir zu keinem Zeitpunkt, auch wenn es manchmal so rüberkommt 🙂 man kann noch so gut vorbereitet sein, der Kopf muss in den schweren Momenten einfach mitmachen, dann klappt es auch.

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