Zu zweit läuft's besser.

Was der Transalpine-Run mit einem macht

Was der Transalpine-Run mit einem macht
16. September 2018 Marek

[Marek]

Ein paar Tage mussten wir vergehen lassen, um das Erlebte dieser einen Woche zu verarbeiten. Von jetzt auf gleich ins Büro – mir fiel es selten so schwer, mich dafür zu motivieren. Im Kopf laufe ich am Montag alle Etappen nochmal durch. Überlege, wo Zeit liegengeblieben ist, wo wir uns noch verbessern können, aber vor allem: was wir gemeinsam in diesen 7 Tagen geschafft haben. Ich hätte nicht in meinen kühnsten Träumen damit gerechnet, dass wir am Ende so weit vorne stehen und zumindest schonmal in die Fußstapfen der deutschsprachigen Trailrunning-Elite treten können.

Wie kann man unsere Woche zusammenfassen: bedingt durch Henriks Knie-Probleme hatten wir auf den ersten beiden Etappen einen durchwachsenen Start in den TAR 2018. Schon die erste Etappe hat uns trotz der Streckenkenntnis ziemlich angeschossen und auch auf der vermeintlich einfachsten 2. Etappe konnten wir am Ende nur den Schongang einlegen, um nicht vorzeitig auszuscheiden. Es sollte uns nicht aufhalten: nach Henriks Schuhwechsel vor Etappe 3 beruhigte sich sein Knie und wir konnten kontrolliert und weitgehend problemlos die Königsetappe ins Pitztal meistern. Für mich war es schon fast beängstigend, wie gut und sicher wir dieses Jahr harmoniert haben. Der Blick für den schwächeren Partner, das Gefühl, das Tempo anziehen zu können, ohne den anderen zu zerlegen oder aber der jederzeit kleine Abstand zwischen uns: all das hat mir immens viel Sicherheit gegeben, so dass ich am Erreichen unseres Ziels zu keinem Zeitpunkt mehr gezweifelt habe. Auf vielen Bildern kann man es gut erkennen: wir wollten das gemeinsam und haben es gemeinsam geschafft. Meine kleine Schwächephase auf dem letzten Aufstieg auf Etappe 4 – wir konnten sie beim Downhill nach Sölden schon wieder egalisieren. Überhaupt: runter ging es diesmal mit einer unglaublichen Sicherheit, woher sie kam: ich weiß es nicht. Vielleicht war es einfach nur die Tatsache, dass der Bruder immer vor oder hinter einem war.

Was ab Etappe 5 dann passierte, konnten wir selbst kaum realisieren: das Rennen schien für uns erst auf dem Weg nach Südtirol richtig anzufangen. Henrik pushte uns mit ganz viel Mut und Kraft über das Timmelsjoch nach Italien. Wir dachten nach diesem Tag, wir seien weit über unsere Verhältnisse gelaufen. Aber waren es vielleicht genau unsere Verhältnisse? Das gleiche Spiel konnten wir dann auf den letzten beiden Etappen noch einmal spielen. Die 1500 Höhenmeter in Richtung obere Scharte flogen wir förmlich hoch. Als wir das Mixed-Team um Eva Sperger überholten, fragte Henrik nur kurz:

„Sind wir hier im falschen Film?“.

Nein. Denn wir waren bei diesem TAR in unserem eigenen Film angekommen. Und der hielt ein irres Etappenfinish ins Sarntal bereit. Es waren nur wenige an diesem Tag schneller im Tal.

Mit breiter Brust gingen wir dann auch auf die letzte Etappe nach Brixen. Wir hatten soviel Power, dass wir die ersten Anstiege alle gelaufen sind. „Skurril“ fand Henrik es, als wir uns zwischendurch erinnerten, wie wir uns an gleicher Stelle vor 2 Jahren gequält hatten. Leicht war es natürlich trotzdem nicht, aber der Königsanger auf 2600m hat uns schon signalisiert: hier geht heute nichts mehr schief. Der Mörder-Downhill runter nach Brixen war dann nur noch das i-Tüpfelchen auf einen unfassbar schönen, unglaublichen, starken, sensationellen Transalpine Run 2018.

Es ist schwer zu beschreiben, was in dieser Woche mit einem passiert. Aus motivierten Wettkämpfern wächst über alle Tage eine Gemeinschaft, die nur ein Ziel hat: die Alpen in 7 Tagen im Team zu überqueren. Es ist beeindruckend, wie jeder für jeden da ist, lacht, weint oder auf die Schulter klopft. Als wir vor der 7. Etappe mit dem führenden Senior Master Mixed Team Maja und Urs sprachen, interessierte es sie überhaupt nicht, ob sie ihre 5min-Führung noch verteidigen können. Manche Dinge werden einfach nebensächlich auf diesem Weg.

Der Transalpine Run 2018. Eine unbeschreibliche Reise, die uns wie schon damals fest in den Bann gezogen hat. Henrik hat es damals als Magie bezeichnet. Nicht ist passender als dieser Vergleich.

[Henrik]

Am Montagmorgen saß ich im Büro und kam mir etwas verloren vor. Man bombardierte mich mit Informationen über sehr, sehr wichtige Ereignisse in meiner Abwesenheit. Nur liefen die alle an mir vorbei. Der Kopf war irgendwo zwischen Garmisch und Brixen hängengeblieben und schaute mit Demut in eines der Alpentäler, die wir auf unserem Lauf durchschritten hatten. 7 Tage laufen klingt erstmal unendlich lang und weit – aber die flogen wieder so schnell vorbei, dass wir uns nach den 260 Km die Frage stellten:

„Und wo laufen wir morgen hin?“

Zum zweiten Mal auf diesem Abenteuer zu sein hat einige sehr schöne Vorteile. Man kann mehr genießen, Momente aufsaugen, sich über Details freuen. Wir waren nicht mehr so auf das nackte Ankommen fixiert, das uns 2016 schon mal den Blick etwas vernebelte. Als mein Knie ab Etappe 3 wieder mitspielte, gewannen wir mit jedem Schritt ein Selbstbewusstsein, das uns bisweilen Angst einflößte. Jeder Läufer kennt das aus dem Training: wenn da was geht, dann beginnt es richtig Spaß zu machen. Wir sind nicht mehr so ehrfürchtig in die Etappen gegangen, trotzdem aber mit Respekt, voller Konzentration und mehr taktischem Geschick. Als wir den Piösmes-Steig zum Ende der Königsetappe ziemlich lässig runterjagten, da kam bei erstmals dieses Hochgefühl auf – jetzt geht UNSER TAR los.

Natürlich, die Begleitumstände kamen uns sehr zugute. Am Abend der ersten Etappe treffen wir Birgit aus Radebeul, trinken mit ihr das letzte und lauwarme Bier des Hostels aus und können unser Glück kaum fassen. Sie fährt uns während des gesamten TARs hin und her – eine enorme Hilfe, um sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Die Laufstrecken sind bis auf die Verschärfungen zumindest keine Überraschung für uns. Immer wieder zwinkern wir uns zu

„Hey, weißt du noch, vor 2 Jahren, da…“.

Es sind die Details, die mir das Herz aufgehen ließen und die diese Reise so unvergesslich machten. Da laufen wir durch die Söllbergalm im Pitztal und der Wirt, der uns bei unserem Training im Juli nicht ohne einen Schnaps hatte gehen lassen, erkennt uns wieder und wünscht uns viel Glück. Da ist die Kuh, die sich auf der Nassereither Alm mit uns ein kleines Rennen liefert. Da bleibt die kleine Bergkirche auf der letzten Etappe sehr präsent, zu der Marek und ich eine ganz persönliche Erinnerung teilen.

Es blieb sogar Zeit für kleine Experimente. Auf Etappe 5 ließ ich die Stöcke im Hotel und probierte es mal ohne. Ich lieh mir eine Suunto 9-Uhr von den Salomon-Jungs aus und zeichnete die Etappe damit auf. Leider versagte die Höhenmessung. Nur bei der Kleidungswahl waren wir nicht sehr experimentierfreudig: bis auf Etappe 6, wo ich mit langer Hose lief, hatten wir wirklich jeden Tag die gleiche Hose und die gleichen Socken an.

Die letzten beiden Etappen waren dann nur die logische Konsequenz unserer Entwicklung in dieser Woche. Es fühlte sich alles so richtig an. Ich genoss jede Minute dieses befreiende Gefühl, mich nicht mit anderen Dingen beschäftigen zu müssen, sondern einfach nur unterwegs zu sein mit dem perfekten Teampartner und das in einer berauschenden Umgebung. Welch‘ ein Geschenk, diese Alpenüberquerung.

Warum bin ich mir sicher, dass der Domplatz in Brixen das Team „Running Twins“ nicht zum letzten Mal gesehen hat. Es muss diese TAR-Magie sein.

 

9 Kommentare

  1. Brigitte 5 Monaten vor

    Jungs, das liest sich gleich viel entspannter wie vor zwei Jahren. Weniger Kampf, mehr Genuß.

    Gratulation zu Eurer tollen Laufwoche mit fantastischem Ergebnis.

    • Autor
      Marek 5 Monaten vor

      Danke liebe Brigitte. Wie Henrik schon geschrieben hat, ist es alles etwas einfacher, wenn man den Zirkus schonmal mitgemacht hat. Gekämpft haben wir natürlich trotzdem, aber diesmal mit etwas höheren Ambitionen als vor 2 Jahren. Und es hat sich vollends gelohnt!

  2. ultraistgut 5 Monaten vor

    Hallo, ihr Twins , kann mir lebhaft vorstellen, dass ihr dieses Abenteuer habt erst einmal verarbeiten, realisieren musstet. Eigentlich hätte es fast keines Kommentars bedurft, sagen die Bilder doch so viel aus, sprechen für sich, Emotionen pur !

    Das Schönste aber – so finde ich – dass ihr das gemeinsam durchgezogen habt, es ist doch – so glaube ich – etwas anderes, ob man mit einem Freund, Gleichgesinnten dieses Abenteuer durchzieht oder mit einem Zwillingsbruder, so jedenfalls stelle ich mir das vor. Das Gefühl alleine, selig im Ziel anzukommen, kenne ich natürlich auch zu Genüge, aber es mit seinem “ zweiten ICH “ zu bestehen, stelle ich mir grandios vor, soweit meine Fantasie reichen kann.

    Ganz herzlichen Glückwunsch von der Ostsee – Dinge, die stark machen, die man nie vergisst…………..

    • Autor
      Marek 5 Monaten vor

      Margitta, du hast so recht. Ich könnte mir keinen anderen Teampartner für diesen Lauf vorstellen. Es ist wirklich so, dass wir uns blind verstehen und auch ohne viele Worte immer wissen, wie es dem anderen gerade geht. Das ist in vielen Situationen unglaublich wertvoll und mit Sicherheit ein großer Vorteil gegenüber den anderen Teams. Ja, das macht uns stark und genau deshalb haben wir bestimmt nicht zum letzten Mal diese Ziellinie überquert 🙂

  3. Birgit und Christoph 5 Monaten vor

    Hi Henrik und Marek!

    Dass ihr 3 Wochen nach dem Mauerweglauf noch nicht wieder völlig lockere Beine haben würdet, war zu erwarten. Umso erstaunlicher, wie fit und motiviert wir Euch in Garmisch vor dem Start angetroffen haben. Und richtig stark war es, wie ihr die letzten Etappen noch aufdrehen konntet. „Hut ab“ für Eure Leistung!

    Es war schön, Euch persönlich kennen zu lernen und mit Euch (naja eigentlich eher hinter Euch 😉 ) über die Alpen zu laufen. Und es stimmt, die „Magie des TAR“ lässt einen so schnell nicht los.
    In diesem Sinne: „to be continued…“

    Liebe Grüße aus dem Ruhrpott!

    • Henrik 5 Monaten vor

      Birgit, Christoph, ganz lieben Dank. Es war für uns spannend zu beobachten, wie ihr euch beim „ersten Mal“ schlagt und ihr habt das so cool gemacht. Das Bild vor dem Start in Garmisch ist toll – diese erwartungsfrohen, aber fragenden Gesichter „was wird in dieser Woche so alles passieren?“ und dann nach all den Hochs und Tiefs der Zieleinlauf in Brixen. Danke, dass ihr den Mut hattet (und ja, es gehört sehr viel Mut dazu), euch auf das Abenteuer zu begeben, uns daran teilhaben zu lassen und Gratulation zum ersten Finisher-Shirt!

  4. Martin 5 Monaten vor

    Eure grandiose Leistung ist enorm inspirierend. Für einen TAR wird’s bei mir zwar nicht reichen, aber auf kleinere Abenteuer hätte ich schon Bock.

    Vielen Dank für die Berichte und die tollen Bilder. Und alles Gute für die nächsten Aufgaben!

    • Henrik 5 Monaten vor

      Danke, Martin. Es muss ja nicht gleich der TAR sein. Gibt ja viele schöne Trailläufe, für die man keine Woche braucht ;). Wir sehen und lesen uns.

    • Autor
      Marek 5 Monaten vor

      Martin, warum soll es für den TAR nicht reichen? Mit ausreichend Training ist ein Finish durchaus realistisch. Klar kann man jetzt nicht erwarten, vorne mitzumischen, aber ein Durchkommen ist für jeden halbwegs gut vorbereiteten Läufer machbar. Sagt ja keiner, dass es ein Kinderspiel ist 🙂

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