Zu zweit läuft's besser.

Erst geschockt, dann gerockt – unser Transalpine Run 2022

Erst geschockt, dann gerockt – unser Transalpine Run 2022
17. September 2022 Marek

Am Ende wurden es lediglich 240 Km und 15.000 Höhenmeter. 8 Tage, 3 Länder, 250 Teams. 70 Energiegels haben wir gefuttert. Aber das sind bloß Zahlen. Wir wollen lieber die ganze Geschichte erzählen.

Der Transalpine Run ist für uns einfach etwas Besonderes. Aber warum ist das so? Dieser Etappenlauf über rund 250km quer über die Alpen ist einfach kein normaler Lauf. Es ist eine Reise, die uns jedesmal in ihren Bann zieht. Es ist ein Erlebnis, das lange nachwirkt und das man nicht so schnell aus dem Kopf bekommen kann. In diesen Tagen durchläuft man ein Tal von Emotionen, die alle in irgendeiner Weise dazu beitragen, dass man sich verändert, Dinge neu einordnet und so manches weniger verbissen sieht. 8 Tage nur mit dem Teampartner, das heißt auch 8 Tage in einem Boot zu sitzen, alles, wirklich alles gemeinsam zu durchleben, zu erleben, zusammenzustehen und ein Gottvertrauen aufzubauen, dass beide diese Herausforderung meistern können.

Als wir 2016 zum ersten Mal über die Berge von Garmisch in Deutschland nach Brixen in Italien gelaufen sind, haben wir nicht ahnen können, welche Anziehungskraft diese TAR-Familie auf uns ausüben würde. Dieses Jahr markierte für Henrik seine 5. und für mich meine 4. Teilnahme. Man kann es vorwegnehmen: wir haben alle Etappen bisher erfolgreich beenden können.

Was genau ist das Erfolgsrezept, um diesen knallharten Etappenlauf erfolgreich durchlaufen zu können? Es braucht den richtigen Riecher in vielen Situationen. Geht’s dem anderen gut, kann man etwas tun, ist auch einmal Klappe halten angesagt? Natürlich haben wir als Brüder einen Riesenvorteil. Wir kennen uns aus dem ff, oftmals bedarf es keiner Worte, um uns zu verstehen. Und ich glaube, wir beide beherrschen das ziemlich gut. Zugegeben, Henrik musste diesmal von uns beiden einiges mehr investieren, damit wir heil und in einem Stück über die Alpen kommen.

Wir nehmen euch einmal mit auf diese 8 Tage, die (natürlich!) wieder einiges an Überraschungen und Dramatik bereithielten.

“Erst Rock, dann Schock” | Etappe 1 | Garmisch (D) – Nassereith (A) | 43 Km | 2.180 HM | Autor: Marek

Wie immer hatten wir uns einiges vorgenommen. Es reichte dank der frühen Anreise sogar noch für einen Abstecher zur Partnachklamm am Freitag. Mal eben 10 Km spazieren einen Tag vor dem Rennen. Nun ja. Selbstbewusst ging es über den asphaltierten Weg bis zum ersten Anstieg. Doch schon hier zeigte sich, dass Henrik noch nicht im Rennen angekommen war. Hoch ging es beschwerlich und zäh. Die erste Skipiste zeigte dann bereits die Grenzen unseres Unternehmens auf. Viele alte und neue Gesichter zogen vorbei. Piste Nummer 2 ging dann schon besser, doch unseren Ansprüchen genügte das bei Weitem nicht. Auch in der Ebene konnte Henrik kein richtiges Tempo aufbauen.

Aus Ehrwald heraus drohte der erste längere Anstieg: der Schaftkopf war die erste Prüfung dieses TARs. Gleiches Bild: gefühlt fliegt das halbe Feld vorbei. Was kann man tun in diesen Situationen? Nicht viel. Aber zumindest nicht den Fehler machen, den Schwächeren abzuhängen und wegzulaufen. Wir wissen aus Erfahrung: das geht überhaupt gar nicht und gibt dem Partner den letzten Rest. Also ruhig und “kontrolliert” (aka so langsam wie nötig, so schnell wie möglich) nach oben ziehen. Und man ist schneller auf dem Gipfel, als man für möglich hält. So auch diesmal auf dem Montaneweg. Schön trailig ging es weiter (mit der ersten “gefährlichen Passage”), bevor hinter dem Marienbergjoch der zweite Anstieg auf uns wartete. Und siehe da: vielleicht nicht in Weltrekordzeit, aber ganz passabel kamen wir bei Streckenchef und Popstar Martin Hafenmair oben an. Die folgende Nassereither Alm war gut laufbar, obwohl Henrik weiter “am absoluten Limit” operierte. Das Beste kommt ja bekanntlich zum Schluss: der Downhill nach Nassereith wartete. “Bitte lass dich am Leben!” gab mir Henrik noch mit, bevor er nach unten verschwand. Ich versuchte zu folgen, aber merkte schnell, dass das mangelnde Downhill-Training sich bemerkbar machte. Ein kleines Biest ist der Abstieg schon. Die Untergründe wechseln ständig. Steine, Wurzeln, Geröll. Die 4km waren schon fast geschnupft, dann passierte es: ich knickte in einer Situation der Unkonzentriertheit um und fand mich auf dem Boden wieder. Man muss dazu sagen: Umknicken passiert schonmal im Eifer des Downhill-Gefechts. Nur meistens eben nur leicht und folgenlos. Ich wußte sofort danach, dass es eben keiner dieser kleinen “Unfälle” war. Der Schmerz war da und irgendetwas lädiert. Was macht man in dem Schreck? Aufstehen und Weiterlaufen! Der schnelle Downhill hatte sich zu den Zeitpunkt erledigt. Ich humpelte die letzten 800m herunter und wollte nicht wahrhaben, was da gerade passiert ist. Henrik wartete auf mich, er hatte trotz meines Aufschreis nichts mitbekommen. Irgendwie schleppte ich mich ins Ziel, die gute Stimmung war im Eimer, obwohl wir unsere Zeit von 2018 um 10min geschlagen hatten.

Bei den Physios kam allen ein déja vu von Henriks kaputtem Fuß von 2019 hoch: auch dort ging es trotz des ähnlichen Malheurs noch weiter (und wie!). Die Runde beschloss einvernehmlich: das Rock Tape wird zumindest Mareks Start zu Etappe 2 ermöglichen. Mit gemischten Gefühlen und einigen Zweifeln ging es in die zweite TAR-Nacht. Schlafen können wir die ersten Nächte so gut wie nicht. Man läuft die Etappe noch einmal im Kopf ab und versucht sich vorzustellen, was denn morgen auf einen wartet. Und trotzdem sitzt man jeden Tag pünktlich beim Frühstück und scharrt mit den Füßen.

In mir rumorte es: ich konnte und wollte es nicht wahrhaben, dass der TAR 2022 für mich nach Tag 1 beendet sein würde. Ich wußte, ich würde alles versuchen, damit uns dieses Unglück erspart bleibt.

“Erst Rausch, dann Tausch” | Etappe 2 | Nassereith (A) – Imst (A) | 31 Km | 1.900 HM | Autor: Marek

Eine Stunde vor dem Start hieß es nun, bei den Mädels und Jungs von Outdoor Physio aufzuschlagen. Das Anlegen des Tapes dauerte ca. 15min und war durchaus harte Arbeit. Der Fuß wurde so fixiert, dass ein erneutes Umknicken kaum möglich war. Nur konnte man damit auch laufen? Die Etappe sollte Teile der Strecke des Tschirgant Sky Runs beinhalten und ging – Überraschung – auf den Ostgipfel des Tschirgants. Landschaftlich eine absolute Traum-Etappe mit wahnsinnigem Panorama. Einen Blick hatten wir dafür aber leider nicht.

Auf den ersten Metern nach dem Startschuss war ich skeptisch, ob das lange gutgehen kann. Beim Auftreten schmerzte der Fuß doch merklich und es war mehr eine holprige Fortbewegung, die nicht wirklich gut aussah von außen. Die 8km Einrollen aber zeigten: es ging. Ein sicheres Auftreten gestaltete sich schwierig. Aber der Fuß machte im Aufstieg durch die langsame Geschwindigkeit kaum Probleme. Ein Problem war also “gelöst”, ein anderes gesellte sich hinzu: die Sonne krachte herunter und mein Selbstbewusstsein hatte durch die ganze Fuß-Aktion doch ordentlich gelitten. Und so lief der Aufstieg auf den Tschirgant nicht gut. Und das war noch untertrieben: es lief schlecht. Ich japste und rang nach Luft, Henrik musste mich förmlich nach oben schieben. Das Tagesziel war von Anfang an: nur ankommen. Und wir konnten dem rein gar nichts hinzufügen.

Wir brauchten sehr lange, um bei Martin und dem Trailmotion Tirol Team oben anzukommen – die hatten dort den Hexenkessel aufgebaut. Doch damit nicht genug: auch der Downhill nach Imst startete schlecht: meine Zehen schlugen zu oft am Schuh an und ich bekam die leidigen Schmerzen. Hatten wir doch alles schonmal? Und ich ärgerte mich maßlos, dass ich den gleichen Fehler wieder beging: die Schlappen waren zu klein für die steileren Downhills. Also lief es auch runter viel zu langsam und die Frustration nahm immer weiter zu. Nach endloser Zeit näherten wir uns der V3, davor vermeldete uns Matthias, dass es diesmal dort “vegane Schokomilch” gäbe. Wir witzelten noch darüber, aber es stimmte und wir halfen uns einen dieser leckeren Drinks ein.

Wie sollte ich nun aber runter ins Ziel kommen? Ein paar Meter vor dem VP schlug Henrik tatsächlich vor, dass wir einfach unsere Schuhe tauschen. Und ich fand den Vorschlag richtig gut. Und siehe da: der erste Schuhtausch des TARs ereignete sich vor den Augen aller hinter dem VP. Henrik gab mir seinen Hoka Speedgoat 5 und ich vermachte ihm meine Altras. Gamechanger! Der Downhill wurde immer laufbarer und den letzten Teil konnten wir wieder etwas aufholen, obwohl wir zeitmäßig schon sehr weit zurückgefallen waren. Es ging noch ein paar Kilometer über Forstwege, das kam uns sehr gelegen. Trotzdem mußten wir in Imst unsere schlechteste Tagesplatzierung hinnehmen. Aber welche Rolle spielte das: GAR KEINE! Wir waren heilfroh, dass wir (und mein Fuß) es überhaupt dorthin geschafft hatten. Ich wurde oft gefragt, was denn genau das Problem sei: Zerrung, Dehnung, Bänderriss? Und immer antwortete ich darauf, dass ich es nicht weiß und es mir auch wirklich egal ist, solange ich damit laufen kann.

Die TAR-Reise ging weiter für uns, nur das zählte und dementsprechend erleichtert genossen wir das Finisher-Bier bei fantastischem Wetter.

“Erst verlockt, dann verzockt” | Etappe 3 | Imst (A) – Mandarfen (A) | 54 Km | 2.800 HM | Autor: Marek

Die “Königin” stand an! Schon im Vorfeld des TARs hatten wir uns auf diese Etappe eingeschossen und wollten unsere Streckenkenntnis und Erfahrung nutzen, um eine kleine Attacke zu fahren. Bereits zum vierten Mal bewältigten wir den Weg von Imst ans Ende des Pitztals nach Mandarfen (2016, 2x 2018). Viele hatten großen Respekt vor dem Brett, vor allem wegen der Länge. Aber genau das bereitete uns als Ultra-Läufer weniger Sorgen.

Und wir liefen dementsprechend optimistisch los. Henrik machte ordentlich Druck und wir arbeiteten uns vor dem ersten längeren Uphill gut nach vorne. Es lief richtig fluffig, die leichten Ups and Downs über Brennwald (V1) und Wenns gehen über (Forst)Straßen und gut laufbare Wege – das liegt uns und nach 20km lagen wir richtig gut in der Zeit. Der kurze Abstecher nach der Pitzenschlucht auf die Pitztalstraße ist wieder dabei und danach geht es im Zick-Zack 700 HM wieder rauf. Henrik hat hier erste Probleme, das Tempo zu halten und wir fallen erstmals etwas zurück. Aber bis zur V2 an der Söllbergalm ist noch alles im Rahmen.

Danach wird die Strecke schlagartig schwerer und ich weiß nicht warum, aber plötzlich zieht mir irgendetwas den Stecker. Die folgenden Kilometer sind sehr zäh und ich kann mich auf dem Weg zum höchsten Punkt auf 2.200 m auch nicht mehr erholen. Für Henrik ist das Tempo mittlerweile so langsam, dass er sich die Zeit mit Fotografieren vertreiben muss. Zudem schmeißt es mich auf einer laufbaren Passage auch noch ins Gras, aber zum Glück bleibt dies folgenlos. Es dauert nicht nur gefühlt Stunden, bis wir die V3 an der Tiefentaler Alpe erreichen (km40). Ich setze mich neben Dennis vom Trail Magazin, der ähnlich kaputt ist wie ich, und wir lassen uns von unseren Teampartnern die Verpflegung reichen. Brühe funktioniert ganz gut. Kann sich das Blatt nochmal wenden?

Nein. Mittlerweile hat mein Körper auf Überlebensmodus umgestellt und ich komme nur sehr langsam runter. Und der Downhill nach Piösmes ließ nach der V3 nicht lange auf sich warten. Ich bekomme es nicht zusammen, warum es jetzt schon ins Tal geht. Ich stolpere den Weg nur so entlang, jegliche Kraft ist aus meinen Beinen entwichen auf den vorherigen 40km. Was sind wir vor 4 Jahren hier heruntergeflogen? Und jetzt verzweifelte ich an jeder Wurzel dieses eigentlich gut laufbaren Trails. Nach schier unendlicher Zeit kamen wir dann doch im Tal an. Wir realisierten langsam, dass die verbleibenden 12km auch wirklich noch 12km waren. Die 300 HM bis ans Ende des Pitztals machten die Sache nicht attraktiver.

Und ich konnte nicht mehr zulegen. Bis zur V4 bei km48 ist es ein heftiger Kampf mit mir selbst. Henrik läuft voran und versucht, das Ganze laufbarer zu gestalten, aber meine Energie habe ich irgendwo zwischen die Almen auf den Bergen gelassen. Selten habe ich mich so zerstört gefühlt wie auf den letzten Kilometern dieser Etappe. Die eigentlich unsere werden sollte. Die wir nun mit letzter Kraft halbwegs achtbar ins Ziel bringen müssen. Bis zum letzten Kilometer muss Henrik mein Jammern und Stöhnen ertragen, dann geht es wieder ins Lauftempo über und ich war unglaublich erleichtert, das Ziel zu durchqueren. Satte 45min langsamer als 2018. Völlig fertig brauchte ich erstmal ein paar Minuten, um mich zu sammeln.

Viel riskiert, viel verloren – so kann man wohl diesen Tag beschreiben. Ich bin ziemlich geknickt über meine Performance und es dauert einige Zeit, bis Henrik mich wieder etwas aufbauen kann. Es gibt sie, diese Tage.

“Erst schieben, dann fliegen” | Etappe 4 | Mandarfen (A) – Sunna Alm (A) | Bergsprint  7 Km | 670 HM | Autor: Henrik

Um 10:49 Uhr schickte uns die Crew auf die kürzeste Etappe der Tour. Keine Pflichtausrüstung packen, ausschlafen bis 9 Uhr, es war wirklich ein Ruhetag. Nach der etwas verkorksten Königsetappe gab es für uns eigentlich kaum noch was aufzuholen und so lautete unsere Strategie, kontrolliert hochzukommen. Falls einer von uns deutlich schneller kann, dann trennen wir uns.

Ein ganzer Kilometer war zum Einlaufen da und ich schnappte ob des eigentlich lockeren Tempos schon nach Luft. Das kann ja heiter werden. Wir stiegen doch früher in den Berg ein als erwartet. Der Aufstieg auf dem Singletrail ist nicht weiter wild, die 600 HM bis zur Bergstation der Rifflsee-Bahn sind weder dramatisch steil noch technisch anspruchsvoll. Wir hingen ziemlich schnell fest hinter zwei Teams, machten aber keine Anstalten, gleich zu überholen. Eigentlich sind wir ja Spezialisten darin, die Strategie gleich über den Haufen zu werfen. Erstmal ein wenig Höhe gewinnen und dann sehen wir weiter. Das eine oder andere Team drängelte auch schon von hinten.

Fairness ist oberstes Gebot beim Bergsprint. Wer schneller ist, den lässt man gefälligst vorbei und zwar ohne, dass darum gebeten werden muss. Die Augen müssen sowohl vorn als auch hinten sein. So haben wir es auf dem gesamten TAR gehalten und so hält es die gesamte #TARFamily. Wie oft habe ich beim Überholt-werden und Überholen daran gedacht, dass diese Fairness und der Respekt im real life den Menschen abgegangen sind.

Und da liefen wir auf ein rotes RUNNING Company Shirt auf! Team Herzhopfen mit Claudi und Jola schob sich den Berg hoch und konnte vielleicht ein wenig Motivation gebrauchen? Wir haben uns sehr gefreut, die beiden zu sehen, für die es -im Gegensatz zu uns- um etwas ging, denn auf der Königsetappe hatten sie mit einer furiosen Etappe den Platz 3 in der Master Women Kategorie erobert. Wir nahmen die beiden ins Sandwich und versuchten zu motivieren, wie es eben so geht. Claudi war etwas mehr im Fokus und sprach nicht, Jola schien dagegen recht locker hochzukommen. Und sie machten es genau richtig: der langsamere Partner steigt voran. Ich hatte ein sehr gutes Gefühl bei den beiden. Kurz vor der Bergstation zog ich dann etwas an und lief die letzten Höhenmeter bis zur Bahn hoch. Jetzt kam ein herrlicher Downhill und ich wusste, dass die beiden da nicht viel langsamer als ich sein werden. Marek blieb noch bis zum Einbiegen auf die Runde um den Rifflsee bei den beiden.

Der Rest ist schnell erzählt: die Dreiviertelrunde um den Rifflsee hat 3 Km und endet mit einem fiesen Anstieg auf die Sunna Alm. Und diese 3 Km ziehen sich wie Kaugummi, wenn man denn ab der Bergstation auf Vollgas geschaltet hat. Konnte ich da wirklich noch hochlaufen? Nicht ganz. Ich sammelte auf den letzten flachen Metern nochmal die Kräfte und zog dann hoch. Es reichte sogar noch, um Sandra ein Wort ins Mikro zu brüllen. Eigentlich gehen im Laktat nur geschlossene Fragen. Marek kam nur ein Minütchen nach mir an, er hatte also auf der Seerunde den Turbo gezündet. Wir hielten uns nicht lange oben auf, zogen uns um und nahmen die Bahn runter zum Mittagessen.

Team Herzhopfen holte zwar kein Podium an diesem Tag -für die Tageswertung werden beide Zeiten addiert-, baute aber den Vorsprung auf Platz 4 ins der Gesamtwertung aus. Wir freuten uns sehr darüber, dass wir mit unseren bescheidenen Möglichkeiten ein wenig helfen konnten. Immerhin hatten wir heute unsere beste Tagesplatzierung erlaufen. Ausgerechnet beim Bergsprint.

“Erst sowas von lame, dann back in da game” | Etappe 5 | Mandarfen (A) – Obergurgl (A) | 37 Km | 2.600 HM | Autor: Henrik

Wir waren guter Dinge nach dem Bergsprint. Am Vorabend aßen wir mit unseren neuen amerikanischen Freunden Jessie und Chris Pizza im Siglu und fühlten uns einigermaßen ausgeruht. Auch der Start um 6:30 Uhr konnte uns nicht beeindrucken. Es hat schon was, am frühen Nachmittag im Ziel zu sein und sich sofort regenerieren zu können. Aber trotzdem, aufstehen um 4:00 Uhr fällt schwer. Ich hatte kein Auge zugemacht in dieser kurzen Nacht.

Wir zogen gut mit an den Berg. Heftige 1.200 Höhenmeter waren gleich zu Beginn zu bewältigen, um über das Pitztaler Jöchl das Pitztal Richtung Ötztal zu verlassen. Die ursprünglich geplante Route über den Rettenbachgletscher wurde geändert, die Strecke war wohl nicht abzusichern. Es ist ein steiler Anstieg und ziemlich kletterig und wir kamen mit Würde hoch bis zur Braunschweiger Hütte auf 2.750m. Marek kämpfte mit jedem Höhenmeter. Lag es an der Luft, lag es an schweren Beinen, lag es an der Müdigkeit, lag es an der Verpflegung, wir wussten es nicht. Mit viel gutem Zureden und Anschieben kamen wir an der Hütte an. Bis zum Pitztaler Jöchl warteten aber noch weitere 200 Höhenmeter. Aber auch die waren bald in unserem gewohnt gemächlichem Tempo geschnupft.

Auf dem Jöchl dann eine Schrecksekunde: in den Armen von Martin lag eine Läuferin in Rettungsdecken gehüllt. Martin hatte aber die Situation unter Kontrolle und schickte alle Läufer weiter. Wie wir später erfuhren und hörten, war der Rettungshubschrauber alarmiert. Der kollabierten Läuferin geht es gut. Wir mussten selbst erstmal von diesem Jöchl runterkommen, das ging nur einzeln am Seil und mit Runterrutschen. Aber die Stimmung war richtig gut. Wir fragten uns, wie der Abstieg ins Ötztal laufen würde. Es war nur am Anfang etwas technisch, nach der V1 an der Gletscherstraße wartete die Skipiste. Marek blieb zurückhaltend und stakste weiterhin etwas unbeholfen die Trails herunter, die nun eigentlich gut laufbar waren. Wir hatten uns gut versorgt an der V1, aber die Handbremse war (noch) angezogen.

Also im für uns doch sehr gemächlichen Tempo die Piste runter. Ich fragte mich, was wohl passieren müsse, damit wir Fahrt aufnehmen und Selbstbewusstsein tanken. Marek meinte, wir hätten gerade mal lächerliche 11 Km gelaufen. Nicht sehr motivierend. Wie könnte ich ihn aufbauen? Und dann kam diese Abzweigung von der Piste auf einen Trail. Ich zog einfach zackig an einem Team vorbei und beschloss, dass dieser Trail nun hochgelaufen wird. Ob Marek folgen würde? Ja, er folgte. Was auch immer in diesem Moment passiert war, ich wusste es nicht. Aber ich erklärte diesen Sprint zum Wendepunkt unserer Etappe.

Wir flogen durch das Feld. Ein Traumtrail führte stetig runter ins Tal. Ich blieb vorne und trieb uns bis zur V2 an der Gaislachalm. Ein völlig neues Gefühl, Teams zu überholen. Plötzlich ging auch der Downhill vor Zwieselstein richtig gut. “We are back in the Game!” war der Schlachtruf. Der Talboden war schnell erreicht und wir machten uns an der Aufstieg zum Höhenweg. Es wartete noch viel Arbeit. Erst Forststraße, dann Singletrail, die V3 an der Lenzenalm war zügig erreicht. Leicht ging nichts mehr, aber wir fühlten uns stark. Es waren noch über 500 Höhenmeter zu klettern bis zum höchsten Punkt. Marek schob jetzt und übernahm die Motivation. So schnell können sich die Rollen ändern.

Der Höhenweg ist spektakulär, erfordert aber nochmal viel Konzentration. Wir beschlossen, das Ding jetzt kontrolliert zu Ende zu bringen. Ein paar fiese Gegenanstiege und verblocktes Gelände machten diesen Abschnitt zu einem furiosen Finale. Beim recht technischen, aber laufbaren Abstieg nach Obergurgl von 2.500 auf 1.800m stellten wir uns richtig gut an und ließen nur noch wenige Teams passieren. Der einsetzende Regen machte die Sache noch etwas rutschiger, brachte uns aber nicht mehr aus der Ruhe. Die letzten beiden Kilometer konnten wir ausnahmsweise mal genießen. Nach 6,5h waren wir überglücklich im Ziel. Es war unsere Comeback-Etappe.

“Erst zieh-mich, dann weltmeisterlich” | Etappe 6 | Neustift im Stubaital (A) – Elferhütte – Neustift (A) | 13 Km | 1.020 HM | Autor: Henrik

Bereits vor der 5. Etappe wurde von PLAN B bekanntgegeben, dass Nummer 6 nicht gelaufen werden wird. Die Strecke von Obergurgl über Jochdohle (3.150 m!) und den Stubaier Höhenweg ist selbst erfahrenen Trailrunnern nur bei bestem Wetter zu empfehlen. Die Aussichten waren allerdings “dramatisch” (O-Ton Martin). Bei Gewitter und ergiebigem Regen schickt man niemanden auf einen Berg. Nicht mal auf den Olympiaberg.

Was PLAN B aber an diesem Tag aus dem Boden gestampft hat, fanden wir sensationell. Um 9:00 Uhr holten uns Busse in Obergurgl ab und brachten uns ins Stubaital. Der Bus fuhr sogar das gebuchte Hotel an. Uta hatte an alles gedacht. Der Plan war, um 14:00 Uhr zu einer verkürzten Etappe im Stubaital zu starten und zwar auf keiner geringeren als der Strecke der Berglauf-WM 2023. Das hieß also, 6,5 Km ab Neustift hoch bis zur Elferhütte, dann ein Loop und wieder runter bis Neustift. Eigentlich ein Bergsprint, aber bei dieser Etappe galten alle bekannten Regeln. Lediglich die Pflichtausrüstung wurde auf die Regenjacke reduziert.

Um Punkt 14:00 Uhr kam sogar die Sonne raus. Wir starteten konservativ ganz hinten im Startblock A, was ziemlich unclever war, denn wir mussten gleich am ersten Singletrail 5 Minuten anstehen. Zeit hatten wir genug eingeplant, also stiegen wir zwischen dem Ende von Startblock A und dem anrollenden Startblock B ziemlich einsam auf. Für Henrik war es schon wieder viel zu warm, die lange Hose war keine gute Idee. Erst die nur leicht ansteigende Traverse zur Bergstation der Elferbahn brachte uns dann wieder ins Rollen. Dann wartete der Endgegner: die Skipiste hoch zur Elferhütte. Eine echte Prüfung für das Laktat- und Sauerstoffhaushalt. Marek zog und schob, wie er nur konnte. 1.000 Höhenmeter waren mit Twins-Teamwork in gut 90 Minuten geschafft.

Den Verpflegungspunkt hatten wir im Laktat übersehen? Der Downhill begann mit technischen Problemen, Marek bekam die Stöcke nicht zusammen. Die Meute krachte an uns vorbei, als ginge es hier um Leben und Tod. Wir ließen uns nicht beirren. Der Downhill war ein Traum und wir kamen nach einer Weile in einen guten Flow. Und überholten Teams – ein völlig neues Gefühl für uns. Nach 2:09h flogen wir ins Ziel. Fünf Minuten mehr oder weniger, das spielte bei dieser kurzen Etappe wirklich keine Rolle. Vor allem aus unserem gelungenen Abstieg zogen wir Selbstbewusstsein. Zwei heftige Etappen warteten noch auf uns. Da konnten wir jedes Körnchen Energie gebrauchen.

Beim Pasta-Plausch am Abend ließ Martin schon durchblicken, dass auch die vorletzte Etappe unter Vorbehalt stünde. Das Wetter in den Höhenlagen blieb schlecht. Darüber konnte der sonnige Nachmittag im Tal nicht hinwegtäuschen.

“Erst rutschen, dann kutschen” | Etappe 7 | Stubaital Wilde Wasser (A) – Bremer Hütte (A) | 12,5 Km | 1.500 HM | Autor: Henrik

Und so begann schon der vorletzte Ritt nicht dort, wo er beginnen sollte. Vier Kilometer im Tal wurden gestrichen, so dass wir auf Höhe des “Wilden Wassers” starteten. Um 6:30 Uhr spuckten die Shuttlebusse müde Trailrunner*innen aus, die im Dauerregen unter den Pavillons kauerten und bibberten. Martin wurde live(!) von der Bremer Hütte zugeschaltet für das Pre-Start Briefing. Und er klang alles andere als optimistisch. Zu diesem Zeitpunkt war die Entscheidung bereits gefallen, dass die Etappe heute nur bis zur Bremer Hütte auf 2.400 m geführt werden würde.

Wir kamen gut rein in den langen Aufstieg, der zwar nass, aber noch nicht zu anspruchsvoll war. Für unsere Verhältnisse waren wir sehr, sehr gut dabei und kletterten im vorderen Mittelfeld. Je höher wir kamen, desto nebliger wurde es und die seilversicherten Passagen nahmen zu. Es ist anspruchsvolles Gelände, selbst im Trockenen. An wenigen Engstellen mussten wir etwas anstehen, aber immer ging es fair und respektvoll zu. Jeder half jedem. Sogar eine La Ola-Welle passierten wir hinter der Nürnberger Hütte. Die war erst im allerletzten Moment zu erkennen, so neblig war es hier schon. Wir hatten unsere Regenjacken die ganze Zeit an, nur die Kapuze kam mal rauf, mal runter. Ich hatte jetzt kein schlechtes Gefühl beim Aufstieg. Wenn der Regen nicht stärker werden würde, vielleicht könnte die Etappe ja wirklich bis nach Gossensass gelaufen werden? Der Weg war noch weit.

Auf den letzten 400 Höhenmetern bis zum Gipfel am Simmingjöchl schwächeren wir etwas. was auch daran lag, dass die Steine immer größer wurden und man höllisch aufpassen musste, nicht wegzurutschen. 2.760m hoch lag der höchste Punkt dieser alpinen Etappe. Marek überschritt das Jöchl als erster von uns und ich hörte Martin von weitem etwas von “Rennabbruch” sagen. Da stand der Rennleiter nun einsam im strömendem Regen auf dem Jöchl und musste jedem einzelnen Läufer mitteilen, dass das Rennen nur noch bis zur Bremer Hütte geführt werden würde und dort an der V2 beendet sein wird. Als ich in den Abstieg schaute und mir die Bestätigung von Marek eingeholt hatte, war ich da nicht böse drum. Die 300 Höhenmeter runter waren kräftezehrend genug.

Auch hier überholten uns noch diverse Teams, was wir nicht so ganz verstanden. Wir kamen etwa 45 Minuten nach dem Gipfel auf der Bremer Hütte an und stürzten uns auf die Verpflegung. Es war nicht nur nass, sondern auch richtig kalt. Ich hatte bereits morgens in weiser Voraussicht mein langes Shirt untergezogen, Marek holte das jetzt in der Hütte nach. Auch Handschuhe und Mütze legten wir nun an. Etwas zu lange hielten wir uns auf, so dass wir schnell auskühlten. Auch wenn das Rennen abgebrochen war – wir mussten ja noch ins Tal!

Und so schob sich die Trailrunner-Meute langsam runter. Warum dieser Abstieg im Rennmodus keine gute Idee war, konnten wir nun feststellen. Es war brutal rutschig auf dem verblockten Weg. Selbst im Schritttempo legten wir uns immer wieder hin. Später kam auch noch Matsch dazu. Selbst Allrad hätte hier wohl kaum geholfen. Gute zwei Stunden brauchten wir für die 8 Km und etwa 1.000 negativen Höhenmeter ins Gschnitztal. Auf der Talstraße angekommen wirkte das alles gar nicht mehr so “wild”. Aber die einhellige Meinung aller Teilnehmer war: dieser Rennabbruch war richtig und notwendig. Die Unfallklinik in Innsbruck hätte einen sehr geschäftigen Abend erlebt. Und der zweite Aufstieg auf den Pflerscher Höhenweg stand ja noch bevor. Nein, dieses Himmelfahrtskommando brauchte niemand.

Im Tal staunten wir nicht schlecht: das gesamte Finisher-Dorf war bereits von Gossensass nach Gschnitz verlegt worden. Wir bekamen sofort zu essen, konnten unsere Dropbags abholen und uns im Wärmezelt umziehen. Uta wedelte durch das Gelände und wollte am liebsten jedem “Finisher” selbst die Brühe reichen. Das war eine logistische Meisterleistung und zeigt, wozu diese phänomenale Crew fähig ist. So hatten wir am Nachmittag noch Zeit, in den Pool des Hotels zu springen und die Wäsche zu waschen. Denn das große Finale wartete noch auf uns.

“Erst rennen, dann flennen” | Etappe 8 | Gossensass (I) – Vals/Gitschberg (I) | 34 Km | 2.700 HM | Autor: Henrik

Eine Etappe ohne Änderungen – Martin konnte es beim Briefing am Vorabend selbst nicht glauben. Dieser TAR verlangte dem Team und den Teilnehmern einiges ab. Das Wetter sollte bis zum Nachmittag stabil bleiben. Der “späte” Start um 8:00 Uhr in Gossensass ließ uns regelrecht ausschlafen. Ein letztes Mal ließ Marek seinen Knöchel tapen. Ohne diesen Support der Outdoor-Physio Crew um Andi und Markus hätten wir in Nassereith einpacken können. Danke an euch! Ein letztes Mal Checkin mit Ausrüstungskontrolle. Ein letztes Mal erklingt der “Highway to Hell” und die Meute bricht los. Ich hatte schon beim Start Tränen in den Augen. Inzwischen hatte sich so eine Routine eingestellt. Dropbag packen, Flaschen auffüllen, Gels beschriften, Outfit abstimmen. In sechs bis sieben Stunden wird es dann schlagartig vorbei sein.

Aber unterschätzen sollten wir die letzte Etappe nicht: satte 2.700 HM hielt die Überschreitung nach Vals im Jochtal bereit. Schon der erste Aufstieg durch den Daxlwald war steil und lang. Wir hielten uns gut und schwammen im vorderen Mittelfeld mit. Aufzuholen gab es für uns nichts mehr, zu verlieren gab es aber heute viel. Der zweite Aufstieg durch das Pfitschertal war etwas flacher und kam uns mehr entgegen. Es war angenehm bewölkt und die Stimmung bestens. Wir hatten 7h für die Etappe angepeilt. Da aber der Downhill nach Kemnaten zur V2 so herrlich Waldautobahn-like war, lagen wir deutlich vor unserem Plan.

Marek freute sich über “endlich laufbare Downhills” und wir überholten das eine oder andere Team. Ich war mir nun sicher, das Ding läuft heute wie ein Länderspiel – bis ins Ziel. Hinter der V2 folgte dann der finale Anstieg des TARs. Marek kämpfte mit jedem Meter der Forststraße. Die war unendlich lang, schließlich waren noch gute 1.000 HM zu bewältigen. Geschenkt gab es auch heute nichts. Die letzten 200 Höhenmeter lassen es nochmal krachen. Sehr steil geht es die Wand hoch zum Sandjoch auf 2.640 m. Wir quälten uns beide hoch. Ein “Klosters” konnten wir in diesem Jahr abwenden. Martin stand auch bei dieser letzten Etappe auf dem höchsten Punkt und gratulierte jedem. Er wird auch froh gewesen sein, dass die Woche vorbei ging.

11 Kilometer über Almen durch die Ochsensprung-Schlucht, das war ein Finale nach unserem Geschmack. Riskieren wollten wir nichts mehr und so blieb es beim Runterrollen. Die letzte Verpflegung wartet traditionell 5 Km vor dem Ende des Transalpine-Runs. Jeder, der hier durchläuft, hat es fast geschafft. Zum letzten Mal eine Cola in den Trinkbecher. Wir konnten Vals bereits sehen.

Mir ging viel durch den Kopf auf den letzten Kilometern. Es war die erwartet intensive Woche mit viel Drama und Kampf. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Wir haben zusammengestanden und uns gemeinsam Schritt für Schritt dem Ziel entgegengeschoben. Von Garmisch nach Nassereith habe ich geschwächelt und Marek hat uns durchgezogen. Nach dem Malheur am Ende des ersten Tages habe ich das Kommando übernommen. Aber das heißt nicht, dass es keine schwachen Phasen mehr gab. Immer wieder haben wir die Rollen getauscht. Da war dieses Gefühl, sich 100%-ig auf den anderen verlassen zu können. Und genau mit diesem Gefühl liefen wir in in die Tennishalle in Vals ein. Als ein untrennbares Team von zwei Brüdern, die den Ritt über die Alpen zum vierten Mal geschafft haben.

Sportlich betrachtet war dieser TAR weit unter unserem Anspruch. Platz 18 der Master Men Kategorie und Platz 82 insgesamt, das ist auf dem Papier kein Ruhmesblatt. Man sagt ja immer, Zahlen lügen nicht. Aber sie erzählen einfach nicht die ganze Geschichte.

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