Zu zweit läuft's besser.

Augen zu beim Laufschuhkauf

Augen zu beim Laufschuhkauf
9. Februar 2015 Henrik

LSS_5Wo kauft ihr eure Laufschuhe? Das Internet als Bezugsquelle nimmt zwar stetig zu, aber die breite Mehrheit der Läufer wendet sich an das Laufschuhgeschäft des Vertrauens. Dort läuft dann gewohnte Programm. Man möge doch barfuß auf das Laufband paar Schritte bei langsamer Geschwindigkeit laufen. Der Berater zeichnet einen Clip der Abrollbewegung der Füße auf, den er dem beeindruckten Läufer dann in Zeitlupe vorspielt. Diese Analysetechnik hat das Ziel, die Abrollbewegung des Fußes in die Kategorien „supinierend“, „neutral pronierend“ und „überpronierend“ einzuteilen. Auf der Basis dieser Entscheidung wird dem Läufer ein „Stabilschuh“ oder ein „Neutralschuh“ empfohlen. Der Stabilschuh enthält eine mehr oder weniger ausgeprägte sog. Pronationsstütze auf der Schuhinnenseite, die der übermäßigen Eversion, also der vermeintlich zu großen Drehung des Fußes um seine Längsachse, entgegenwirken soll. Die Beratung auf der dieser Grundlage erfolgt täglich tausendfach in den Laufschuhgeschäften.

Die Bloggerfraktion des Laufschuhsymposiums

Die Bloggerfraktion des Laufschuhsymposiums

Auf dem Laufschuhsymposium, das die Runnersworld zum zweiten Mal im Rahmen der ISPO abgehalten hat, wurde dieses Prinzip der Laufschuhauswahl und -Klassifizierung (mal wieder) zu Grabe getragen. Mal wieder, weil das nicht die erste Grabrede dieser Art war. Benno Nigg, Professor für Biomechanik der Universität Calgary, läutete mit seinem Vortrag die Totenmesse für die Pronation als „gefährliche Variable“ ein. Er begründete anhand wissenschaftlicher Studien, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Verletzungshäufigkeit und der Pronation des Fußes gebe. Vielmehr zeigten Studien, dass Verletzungen mit dem gefühlten Komfort des Laufschuhs korrelieren. Prof. Brüggemann von der Deutschen Sporthochschule Köln nahm den Faden sogleich auf und versuchte sich an der Demonstration eines wissenschaftlichen Ansatzes, wie der „Komfort“ messbar gemacht werden könne. Grundlage dafür könnten die Kräfte sein, die auf das Knie wirken. Überhaupt, das Kniegelenk sei der viel wichtigere Ausgangspunkt, um die Wirkung eines Schuhs auf den Bewegungsapparat und damit die Ursache von Laufverletzungen beurteilen zu können. Die Grundidee dabei ist, die „bevorzugte/habituelle Bewegung“ des Kniegelenks durch den Laufschuh nicht zu verändern und damit zu stören. In einer Demonstration gelang es Brüggemann, zumindest bei beiden Probanden einen messbaren Zusammenhang zwischen der bevorzugten Kniebewegung und dem Komfort des Schuhs herzustellen. Die Methode ermittelt den „Preferred Movement Path“ durch simple Kniebeugen.

(c) Brooks RunningWirklich neu sind die Erkenntnisse nicht. Bis die Hersteller diese konzeptionell verwerten, dürfte es aber noch Jahre dauern. Seit den ersten Grabreden ist nichts Nennenswertes passiert. Man bedenke, wie lange man brauchte, um den Einfluss der Dämpfung einzuschätzen. Brooks versucht sich zusammen mit der Wissenschaft an einem Prinzip namens „Stride Signature„, das den bevorzugten Bewegungsablauf als Basis der Laufschuhentwicklung sieht. Im „Transcend“ kam das Prinzip erstmals zur Anwendung. Grund genug für den Laufschuhkäufer, sehr skeptisch zu sein, sobald man auf das Laufband gebeten wird. Ich kann mich an einen Laufschuhkauf vor ca. 10 Jahren in Berlin erinnern. Der Verkäufer, ein ehemaliger Leistungssportler, erklärte mir ungläubigem Laufeinsteiger, ich solle einfach die Augen schließen, ein paar Schritte gehen und den Schuh nehmen, der sich komfortabler anfühlt. Ob er schon damals ahnte, was die Wissenschaft sehr viel später nachweisen würde? Ein Laufband mit Videoanalyse gab es in seinem Laden jedenfalls nicht.

13 Kommentare

  1. Deichlaeufer 2 Jahren vor

    Interessanter Weise bin ich noch NIE in einem der drei Oldenburger Laufschuhgeschäfte auf dem Laufband gewesen. Nur eines davon, der große Filialist, hat überhaupt eines.

    Aber die Vorgehensweise des Verkäufers in Berlin ist wohl zu einfach für unsere technik- und analyseverliebte Laufwelt 😉

    LG Volker

    • Autor
      Henrik 2 Jahren vor

      Ihr habt DREI Laufschuhgeschäfte in Oldenburg? Wow. Es ist wohl recht unterschiedlich, was die Händler für Methoden einsetzen, aber das Laufband mit der Video“analyse“ des Fußes dürfte noch die breite Mehrheit stellen. Wenn du bisher ohne ausgekommen bist, umso besser!

      • Laufhannes 2 Jahren vor

        In Kaiserslautern gibt es zum Beispiel Runners Point, Intersport und einen „echten“ Laufladen 😉

        • Deichlaeufer 2 Jahren vor

          Intersport habe ich noch gar nicht mitberechnet. Davon gibt es in Oldenburg auch noch zwei. Wir haben hier Runnerspoint und zwei inhabergeführte Laufläden.

  2. Laufhannes 2 Jahren vor

    Ich kann mir gut vorstellen, dass es so einige Inhaber von Fachgeschäften gibt, die nicht viel von solcher Wissenschaft und neuen Technik halten. Ich habe das aber bisher in allen Fachgeschäften, in denen ich war, als gängige Praxis erlebt.

    Was für mich aber generell der Knackpunkt ist: Die Erfahrung der Läufer. Die allermeisten, die sich dieses Ergebnis der Studien bzw. des Symposiums durchlesen, haben bereits selbst mit Laufschuhen genügend Erfahrungen gesammelt, um von alleine den richtigen Schuh auswählen zu können. Die Frage ist ja, wie man für den Anfänger den richtigen Schuh findet.

    Ich kann mich leider auch nicht daran erinnern, dass in den Vorträgen erwähnt wurde, anhand was für Läufer die Studien durchgeführt wurden. Vor allem Anfänger haben ja immer wieder Probleme mit ihren Schuhen – sowohl mit als auch ohne Stütze.

    • Autor
      Henrik 2 Jahren vor

      Völlig richtig, Hannes. Die Einsteiger sind für die klassischen Fehler beim Laufschuhkauf besonders empfänglich. Hier ist die Verantwortung der Händler besonders hoch.

      • Die Frage ist hier eben wirklich, ob „klassische Fehler“ in der Vergangenheit überhaupt noch Berechtigung haben, wenn man die aktuellen Entwicklungen, die du oben beschrieben hast, in die Beratung mit einfließen läßt. In jedem Fall scheinen wichtige Kriterien für die Auswahl ja keinen Bestand mehr zu haben. Das macht eine gute „Beratung“ nicht einfacher.

  3. Matt 2 Jahren vor

    mich würde interessieren, warum „Runners Point“ kein „echter“ Laufladen ist.

    • Autor
      Henrik 2 Jahren vor

      Matt, für mich ist Runners Point ein richtiger Laufladen. Ich kaufe meine Schuhe in München immer im Run^2. Aber wie immer gilt: es gibt abhängig vom Personal Gute und weniger gute.

  4. Tja, woran soll man sich denn halten? Für und gegen alles findet man Statements. Ich konnte für mich selber auch erst nach vielen km erkennen, was für meine Füße gut ist. Laufband ist insofern sinnvoll, als dass man selber die Chance hat, darauf im Laden ein wenig einen Schuhkandidaten kennen zu lernen, wobei aber das wahre Kennenlernen erst nach einigen km draußen stattfindet. Manchmal habe ich das Gefühl, dass manche „Fachverkäufer“ auch nur einen Crash-Kurs zur Analyse absolviert haben und dann doch die Modelle empfehlen, die sie verkaufen (s)wollen.
    Liebe Grüße
    Elke

    • Autor
      Henrik 2 Jahren vor

      Das ganze entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Erst wollen die „Experten“ jahrelang den Läufern einreden, dass Pronation und Dämpfung entscheidende Größen sind. Und dann soll man sich seinen Laufschuh nach Komfort auswählen. Den kann man im Laden nur leider nicht schlagartig feststellen, du hast völlig Recht, Elke, der ergibt sich erst nach einigen Laufkilometern. Umso wichtiger ist eine 4-wöchige Umtauschgarantie, wie sie z.B. Runners Point in Form der „Zufriedenheitsgarantie“ anbietet.

  5. Ich glaube auch, dass gerade Laufanfänger Probleme mit der Laufschuhsuche haben. Ich kenne einige, die mich immer wieder fragen, ob nicht der und der Schuh besser wäre, warum ich denn nun diesen laufe, der so flach ist, warum eine Zeitschrift nun schon wieder etwas anderes schreibt. Die Verunsicherung nimmt auch immer mehr zu, je mehr Medien konsumiert wurden. Also früher (zwinker), da wurde auch auf einem Laufband nach einem intensiven Gespräch geschaut, was die Füße eigentlich so machen, wenn man sie mal frei laufen lässt. Dann gab es einige Schuhvorschläge und vielleicht noch den ein oder anderen Testlauf. Ich konnte zum Glück damals schon einige Punkte festmachen, was mir bei Schuhen sehr wichtig ist. Das hat ungemein geholfen. Aber die Erfahrung muss man auch erst einmal machen.

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