Zu zweit läuft's besser.

Auch Heinrich ist Läufer

Auch Heinrich ist Läufer
28. Mai 2016 Henrik

Jeden Abend gehe ich zwischen 22:30 Uhr und 23:30 Uhr mit unseren Hunden vor die Tür und drehe eine Runde durch die Nachbarschaft im Münchner Süden. Bei uns ist es schon sehr dörflich und man trifft kaum noch Leute auf der Straße bis auf wenige Hundebesitzer, die die gleiche Absicht wie ich haben: möglichst niemanden zu treffen. Bestimmt jeden zweiten Abend läuft Heinrich vorbei. Ich weiß gar nicht, wie er wirklich heißt. Ich habe mich noch nie getraut ihn anzusprechen. Heinrich passte irgendwie am besten.

Heinrich scheint ein Streak-Läufer zu sein. Er dreht bestimmt keine große Runde. Er läuft nicht schön, vielmehr schlurft er dahin und tritt sehr laut auf. Das hat den Vorteil, dass man ihn schon von weitem hört. Meinen Beobachtungen zufolge läuft er immer den exakt gleichen Weg – keine Experimente. Er läuft nie auf dem Bürgersteig, sondern grundsätzlich auf der Straße. Heinrich trägt keine Funktionsklamotten oder irgendwelchen neumodischen Läuferschnickschnack. Die kurze Cargo-Hose im Sommer und die dicke Jogginghose im Winter in Kombination mit den Skihandschuhen tun es auch. Oft sehe ich ihn in einem schlichten Baumwollhemd, manchmal hat er auch einen Pullover (keinen „Hoodie“!) an. Topmoderne Laufschuhe? Braucht Heinrich nicht. Mal in Sandalen, mal in Wanderschuhen unterwegs, wahrscheinlich weiß Heinrich gar nicht, welche sog. Innovationen uns die Laufschuhindustrie in den letzten Jahrzehnten beschert hat. Und es interessiert ihn gewiss auch gar nicht. Ich muss nicht erwähnen, dass ich ihn nie eine Uhr habe tragen sehen. Heinrich weiß deshalb gar nicht, wie lang genau seine Spätabendrunde durch Solln ist. Und es spielt für ihn auch keine Rolle, er lädt seinen Lauf nicht ins Internet, um Kudos oder Likes zu bekommen.

Er läuft einfach.

Bei Wind und Wetter. Zu jeder Jahreszeit. Im Schnee, im ergiebigen Dauerregen, in kalten Winter- wie in lauen Sommernächten. Vielleicht muss er nach seinem langen Arbeitstag in der Mittelschicht einfach raus und für 4 oder 5 Km den Kopf freikriegen. Vielleicht reflektiert er seinen Tag im Schutze der Dunkelheit. Vielleicht denkt er aber auch an gar nichts und genießt den Luxus der mentalen Stummschaltung, wenn er bei uns um die Ecke biegt. Ich werde es wohl nie erfahren, denn ich möchte Heinrich nicht beim Laufen stören. Heinrich zeigt mir jedes Mal, dass unser Sport eigentlich banal und dieses ganze Bramborium darum gar nicht nötig ist. Und deshalb habe ich Heinrich in mein Herz geschlossen. Vorhin lief er wieder an uns vorbei. Und ich habe ihn gedanklich gegrüßt, den Läufer Heinrich.

7 Kommentare

  1. Andreas 10 Monaten vor

    Sehr schön! Genauso ist es: Das ganze Drumherum mit Funktionsklamotten, GPS-Uhr, etc. ist schön und gut (ich möchte momentan auch nicht darauf verzichten), aber das ist es, worauf es ankommt: Laufen! Egal, wie lange, egal, wie schnell, egal, wie schön. Einfach nur: Laufen!

  2. Marek 10 Monaten vor

    Schöne Grüße an Heinrich!

  3. Markus 10 Monaten vor

    …und er weiß nicht um seine Berühmtheit, die ihm dieser Post beschwert. Aber auch das ist ihm egal!

    • Autor
      Henrik 10 Monaten vor

      Vermutlich ja! Wir werden es nie erfahren.

  4. Caro 10 Monaten vor

    Ganz ganz toller Text. Laufen ist mehr als nur Laufen!!!

  5. Tobias 4 Monaten vor

    Schöner Text! Diesen Heinrich kenne ich vom Sehen. Er wohnt bei mir um die Ecke. Wenn man nachts durch Solln spaziert, erkennt man ihn manchmal schon an seinen charakteristisch patschenden Laufschritten. Neuerdings trainiert er offenbar Multisport, er hat so ein 80er-Jahre-Stahltourenrad. Ich glaube übrigens, er ist Arzt in einem Krankenhaus.

    • Autor
      Henrik 4 Monaten vor

      Nein! Du kennst Heinrich! Und Multisport, da passiert ja einiges, was ich nicht mitbekomme. Obwohl, Heinrich will wahrscheinlich auch nicht, dass er bekannt wird. Und „spazieren“ tut er nicht. Auch Heinrich ist Läufer!

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