Zu zweit läuft's besser.

8 Tage TAR – 8 Tage Wahnsinn

8 Tage TAR – 8 Tage Wahnsinn
11. September 2019 Henrik

Die Ankündigung

Spontaner ging es eigentlich nicht: weniger als drei Wochen vor Startschuss hüpfte das Team „RUNNING Company powered by Salming“ noch über die offizielle Anmeldung auf die Starterliste des Transalpine Runs 2019. Bianca hatte doch noch die Freigabe der Götter in weiß bekommen. Fast ein Jahr laborierte sie an einer Sehnenentzündung. Konnte das gutgehen?

Es reichte immerhin noch zu zwei langen Vorbereitungsläufen in den Isartrails. Wir rannten zusammen jeden Hügel rauf und runter und waren stolz auf 500 Höhenmeter pro Einheit. Bianca legte noch ein Trailrunning-Wochenende am Fuschlsee ein und ich rannte die ersten beiden Etappen von Oberstdorf nach Lech und St. Anton 6 Tage vorher ab. Ob das unter dem Strich für das Finish in Sulden genügen würde, wir wussten es nicht. Wer uns aber kennt, weiß auch: wir wissen, was wir können. Und dass wir bereits öfter als starkes Team aufgetreten sind.

Etappe 1: Die Überraschung

Das ganze Vorgeplänkel tat uns nicht sonderlich gut, so kamen wir in der Nacht vor dem Start kaum zu Schlaf. Oberstdorf empfing uns mit Prachtwetter und stimmungsvoller Kulisse. Viele Menschen, viele Bekannte, viele Glückwünsche – vielleicht war das alles etwas zuviel Trubel. Unsere Edel-Fans Martina und Inge bejubelten den Startschuss um Punkt 9:00 Uhr. Wir waren unterwegs nach Sulden! Bis auf die Rampe zum halben Fellhorn lagen 12 recht flache Kilometer vor uns, die wir sehr flott anliefen. Erst auf dem ersten Zwischenanstieg überholte uns Team Sulden – wir bewunderten die Riesenschritte von Irene und wollten aber weiter unser Ding machen. Überhaupt, wir schnallten gar nicht, wo wir überhaupt in unserer Masters Mixed Katergorie lagen.

Auf dem wunderschönen Krumbacher Höhenweg, auf den wir nach den ersten 1.000 Höhenmetern einbogen, liefen wir sehr kontrolliert und ohne jede Hektik. Die Wärme machte uns beiden zu schaffen. Die V2 würde erst in Österreich 10 Km vor dem Ziel auf uns warten, das war sehr weit. Auf der Mindelheimer Hütte half zumindest der Wasserschlauch zur Abkühlung. Der erste technische Abstieg ins Tal frustrierte Bianca etwas. Wir wurden erwartungsgemäß ziemlich durchgereicht. Der landschaftlich reizvolle Anstieg zur Ochsenscharte lag uns wieder mehr. Ich war eher kraftlos unterwegs und musste schon kämpfen. Das zog sich weiter über den Gehrenberg. Bis wir endlich den Kamm erreicht hatten, gingen gefühlte Stunden ins Land. Dann endlich folgten gut laufbare Trails am Hang runter ins Inntal nach Warth am Arlberg.

Bild: Sportograf

Auf dem ersten Forstweg-Downhill ließ es Bianca gleich krachen und ich ahnte schon, dass das ein knackiges Finish würde. Endlich kam auch die V2 am Saloberjet. Hier war es gut gefüllt und ich kippte mir Iso und Cola rein. Und dann gaben wir Gas. 10,5 Km mit etwa 300 Höhenmetern hoch nach Lech waren keineswegs ein Spaziergang. Runter drückte Bianca, hoch versuchte ich, das Tempo zu halten. Zum ersten Mal war Teamplay sichtbar. Das machte mir richtig Mut. So schlimm wie im Training eine Woche vorher fühlte sich die Strecke nicht an. Und als ich sah, dass wir den Matsch-Abschnitt umliefen und nur wenig später an einem Master Mixed-Team förmlich vorbeiflogen, ahnte ich schon, hier geht noch was.

Die letzte Rampe hoch und schon ging es auf die letzten 3 Km runter nach Lech. Und wir flogen an noch einem Master Mixed-Team vorbei. Der Trail runter machte uns beiden richtig Spaß und nach 5:48h war der erste Streich vorüber. Als Moderator Sven uns als zweites Master Mixed-Team ankündigte, waren wir völlig überrascht und freuten uns sehr über diesen Auftakt. Zum ersten Mal auf dem Treppchen beim TAR – für mich war ein Traum in Erfüllung gegangen. Vielleicht hätten wir uns nicht zuviel darauf einbilden sollen.

Etappe 2: Die Versuchung

Die Siegerehrung am Vortag tat ihr Übriges und mit dementsprechend breiter Brust stürzten wir uns auf die zweite Etappe. Lächerliche 5 Minuten Rückstand auf das führende Team, die Frage war nicht, ob, sondern wann wir die aufholen. Startblock A brachte uns immer gleich ins Getümmel. Start um 7:00 Uhr und 800 Höhenmeter hoch zum Rüfikopf waren gleich eine Ansage. Und mir ging es gar nicht gut. Zum ersten Mal war ich mit Stöcken unterwegs, musste aber zusehen, wie Bianca mir vom Start weg auf und davon kletterte. Mir war sehr warm, der Schuh fühlte sich nicht so gut an und überhaupt ganz viel mimimi.

Bild: Sportograf

Oben angekommen wartete Bianca zum Glück vor der Zeitmatte an der V1 auf mich. Ich griff schnell was zu essen und wir rannten runter. Etwas verärgert gab ich Gas. Meine Erfahrung hätte mir aber sagen müssen: das passiert. Einen Tag geht es gut, am anderen nicht. Warum? Wer weiß das schon. Und so kam es, wie es kommen musste. Die stumpfe Wiese runter zur Alm beendete jegliche Ambitionen auf brutalstmögliche Weise. Wie genau ich mit dem linken Fuß umknickte, ich weiß es nicht mehr. Das Knacken war gefühlt bis St. Anton zu hören. Der Schmerz war schon böse, aber noch viel schlimmer war alles, was sogleich in meinem Hirn vorging. Da liefen schon der Weg ins Krankenhaus, das DNF und die Heimfahrt durch. Ich ärgerte mich maßlos über so viel Dummheit und Überheblichkeit.

Bild: Sportograf

Ich humpelte einfach weiter, was will man schon machen. Stehenbleiben und auf den dicken Fuß warten, was hätte das schon gebracht außer den dicken Fuß. Und es ging irgendwie. Der Schock war noch zu groß. Immerhin konnte ich meine Stöcke nun sinnvoll zum Stützen einsetzen. Die weiteren Downhills, für die ich mir im Vorfeld lockere 3:30min pro Km ausgemalt hatte, waren dann schon ein sehr harte Probe meines Schmerzzentrums. Wir schleppten uns runter nach Zürs und dann weiter zum Flexenpass. Die Hanglage links zur Alpe Rauz war für das Außenband gar nicht gut. Aber hey, wir waren auch nach V2 noch im Rennen. Irgendwie diese Etappe beenden.

Bianca zog mich am Stock die Skipiste zur Ulmer Hütte hoch. Schon im Training war das ein schlimmer Anstieg. Man sieht die Hütte ganz früh und doch ist es noch weit und steil. Aber wir kamen mit dem Hauptfeld irgendwie hoch. Eine letzte Rampe führte 150 Höhenmeter zur Galzig-Bergstation und dann folgte ein eigentlich herrlicher Downhill nach St. Anton. Und der Fuß machte besser mit als erwartet. Ich lief sogar an Bianca vorbei, so dass sie mich auf dem letzten Forstweg wieder einholen konnte. Vielleicht wuchs das Team RUNNING Company auf dieser Etappe zusammen. Nochmal 1.000 lange Meter Straße und das Ziel wartete in der Dorfstraße nach 4:25h auf uns. Ich wollte mich nur noch eingraben. Dass unsere Zeit nicht sooooo übel war, realisierte ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Der Doc sah sich meinen Fuß kurz an, gab mir eine Ibu, sagte was von „Kapselriss“ und ich solle halt schauen, ob es morgen ginge.

Der Physio-Andi rettete an diesem Nachmittag unseren TAR. Das Rocktape schnürte meinen Fuß fast ab. Nach zwei Schmerztabletten am Abend versuchte ich mich in Autosuggestion. Und ja, ich konnte wieder so einigermaßen auftreten und abrollen. Birgit, unsere Supporterin vom letzten Jahr, traf am Nachmittag in St. Anton ein. Keinen Zweifel ließ ich daran, dass wir zur 3. Etappe starten werden.

Etappe 3: Die Ernüchterung

Die Wettervorhersage war verheerend. Aber uns beschäftigte mehr die Frage, wie lange der Fuß halten würde. Mit dem Tape fühlte es sich sehr stabil an. Da konnte nun nichts mehr umknicken. Sehr beweglich war ich nicht, aber es ging. Stellenweise konnte ich mich gedanklich davon lösen und einfach laufen. Viel größere Probleme machte auf dieser langen Etappe nicht der Fuß, sondern mein Allgemeinzustand. Die Anstiege machten mir so zu schaffen, dass Bianca immer wieder auf mich warten musste. Selbst in der Ebene auf dem Radweg am Inn stand ich völlig neben mir. Zum ersten Mal setzten wir die Technik ein, mit der sich ein Partner am Stock festhält und ziehen lässt. Die Zuschauer staunten nicht schlecht, als wir so vorbeiliefen.

Bild: Sportograf

Ich hatte ein akutes Energieversorgungsproblem. Lange vor V2 waren unsere Gels aufgebraucht und wir liefen trocken. Die extrem matschigen und nassen Trails machten uns zusätzliche Probleme. Hier wäre ich in Normalzustand wesentlich flotter unterwegs. Ein ständiges Auf und Ab auf dem Weg nach Landeck, ich habe nicht viel Erinnerungen an die Gipfel und die Strecke, so sehr war ich mit mir selbst beschäftigt. Erst eine 5 Km lange Straße brachte uns etwas zurück in die Spur. Zum ersten Mal heute überholten wir und das war ein gutes Gefühl. Die letzten welligen Kilometer oberhalb von Landeck verlangten mir nochmal alles ab. War das böse. 40 Km Leiden. Aber: der Fuß hielt.

Bild: Christof Siebenhofer therunningtwins.com

Und so wir nahmen das zum Anlass für leichten Optimismus. Verzichteten auf die Pasta-Party in Landeck und aßen am Vorabend die Speisekarte des Hotels Tramserhof einmal rauf und runter. Bianca stellte das Verpflegungspaket für Tag 4 zusammen, wir schichteten die Ausrüstung etwas um und beschlossen, dass ich wieder auf die Stöcke verzichte und mit dem leichtesten Rucksack laufe. Das Maßnahmenpaket sollte sich als goldrichtig herausstellen.

Unsere Retter Flo und Andi von Outdoor Physio

Etappe 4: Die Wiederauferstehung I

Die „Königsetappe“ wurde zahlreich beschworen und es wäre gelogen zu behaupten, wir hatten keinen Respekt vor den 46 Km mit 2.900 Höhenmetern. Einen 1.700 HM langen Anstieg hatten wir beide noch nie gewagt. Wir nutzten die ersten fünf recht flachen Kilometer zum Einrollen meines Fußes und fühlten uns gut. Als der Anstieg begann, gab es immer wieder Asphalt- oder Forstwegpassagen mit nur leichter Steigung, die ich langsam aber konsequent lief. Das spülte uns so weit vor wie noch nie. Nur Team Sulden lag noch vor uns, als wir die ersten 1.000 Höhenmeter an der Skihütte hinter uns hatten. Wir hatten beide etwas Abstand und ich lief immer so schnell, dass ich die Leader-Shirts nicht aus den Augen verlor. Was auch immer passiert war, mir ging es blendend und die Höhenmeter machten mir mehr Spaß als Probleme. Und so waren wir an der V1 auf dem Fisser Joch weitgehend allein. Zum ersten Mal seit Etappe 1 machte ich wieder Fotos.

Bis zur V2 lag noch viel Arbeit vor uns. Mehr als 12 Kilometer ging es auf und ab. Ganz schlimm war der knöcheltiefe Matsch hinter dem Kölner Haus. Bianca fluchte hörbar und mir zog es sogar einmal den Schuh aus. Team Sulden verloren wir in diesem Stück aus den Augen. Und dann waren da auch gleich wieder 600 Höhenmeter zu klettern. Wir packten die Ausrüstung wieder um, so dass Bianca etwas weniger zu tragen hatte. Die V2 auf dem Arrezjoch erreichten wir nicht mehr ganz so fluffig wie die V1. Es ging erstmal wieder runter, aber halt auch garniert mit viel Steinen. Der wirklich letzte Anstieg zur Stierhütte mit dem höchsten Punkt der Etappe auf 2.716m war wieder Teamarbeit. Bianca ging im wahrsten Sinne des Wortes am Stock. Oben läutete Rennchef Martin mit seiner Schelle das Finale der Etappe ein.

Bild: Sportograf

Zunächst war aber wieder viel Almwiese angesagt. Wir blieben vorsichtig -Etappe 2 ließ grüßen- und als ich die Forststraße in der Ferne erblickte, flogen die Huto Racers vorbei. Bianca ging es gar nicht gut, das Gerenne zog sich nun schon über 5:30h und auch das Nervenkostüm war sehr angespannt. Die Wade machte zum ersten Mal große Probleme. Und so mussten wir selbst auf unserem geliebten Forstweg mit Handbremse laufen. Ich hielt mich im Hintergrund. Wir trafen gemeinsam vorab die Entscheidung, an der V3 vorbeizulaufen. 8 Km müssen auch noch so gehen. Wir behielten die Stocktechnik bei und hievten uns im langsamen, aber stetigen Laufschritt voran. Immer wieder kleine Hügel machten den Weg zu einem Geduldsspiel. Ich hatte gar keine Ambitionen mehr, mit Platz 3 wäre ich mehr als glücklich gewesen. Als wir schon die ersten Häuser von Samnaun auf der Straße passiert hatten, sah ich wieder die beiden Österreicher etwa 200 Meter vor uns. Wir näherten uns, aber ich hatte auch wegen meinem Zustand Zweifel, ob noch ein Angriff möglich wäre. Wir waren am Limit. Bianca litt noch mehr als ich, aber ich versuchte, es zumindest nicht zu zeigen.

Letzter Downhill, letzte Rille / Bild: Birgit Ziller

Ich informierte die Chefin kurz und knapp, dass da vor uns Platz 2 liefe. Und dann passierte etwas Unerklärliches. Sie zog sofort an und 30 Sekunden später am Berg gnadenlos vorbei. Ich nahm alles zusammen, um zu folgen. So in etwa fühlt sich Niveau 20 auf der Borg-Skala an. Die zwei Kilometer bis ins Ziel waren dann zäh wie Kaugummi. Ehrlich jetzt, noch ein verdammter Hügel? Der letzte Kilometer war nicht nur gefühlt 1,5 Km lang. Bianca tat ihren Unmut lauthals kund und als eine Zuschauerin noch rief, dass „nur noch ein Berg“ komme, musste ich mich auch zusammenreißen, um bei gewaltfreier Kommunikation zu bleiben. 6:32h nach dem Start war auch der längste Kilometer des TARs geschafft. Es brauchte ein paar Minuten, dass wir uns freuen konnten. Die Sonne in Saumnaun und die Aussicht auf das Wellness-Hotel für die nächsten zwei Tage ließen uns durchatmen. Die stimmungsvolle Siegerehrung am Abend auf der Alpe Trida rundete einen wieder mal irren Tag ab. Wir waren wieder im Rennen.

Etappe 5: Die Fehleinschätzung

Der „Bergsprint“ war für uns Neuland. Zum ersten Mal seit 2015 wieder im Programm und im Feld durchgängig gefeiert. Wir waren uns nicht sicher, ob die 7,8 Km lange Zwischenetappe am „Wellness-Tag“ mit 834 HM für uns gut oder schlecht sei. Von der Gondel aus sah der Trail beeindruckend lang und steil aus. Eine lange Diskussion zur Taktik beendeten wir mit der Entscheidung, uns zu trennen, sobald ein Partner schneller kann. Das Kalkül war also, dass uns die Addition unserer beiden Zeiten mehr helfen würde für ein mögliches Tagespodium als ein gemeinsames Rennen mit einer möglicherweise sehr viel langsameren Zeit. Soviel vorab: das war eine irrige Annahme.

Bild: Sportograf

Die schnellste Zeit der Damen auf dem ersten Kilometer verbuchte Bianca mit ziemlicher Sicherheit. Ich hatte schon Probleme, überhaupt zu folgen. Es war sehr angenehm, ganz ohne Rucksack zu laufen. Ich hielt nur eine kleine Softflask mit Gel in den Händen. Es wurde viel zu früh viel zu schwer. Zwar überholte ich Bianca im Sinne unserer Taktik relativ schnell, aber mit dem Überholen war es dann schnell aus. Es ging ordentlich hoch. Stattdessen musste ich immer wieder Läufer passieren lassen. Ich war nicht schnell, aber auch nicht fürchterlich langsam unterwegs. Die schnelleren Teams starteten hinter uns. Es dauerte noch ein Weilchen, bis Jens vom Team Sulden mit freiem Oberkörper und offenem Haar wie ein Götterbote förmlich vorbeiflog. Das war beeindruckend. Es mache ihm halt Spaß. Ja, das konnte man sehen. Und auch Irene war schon in Sichtweite. Sie hatten beide über 5 Minuten aufgeholt. Wow. Und auch die schnellen Huto Racers Angelika und Klemens zogen nur wenig später auch an mir vorbei. Was für eine Demonstration.

Bild: Harald Wisthaler

Ich klebte an meinem Höhenmesser, der schrecklich langsam hochzählte. Erst als die 600 HM durch waren, fasste ich wieder etwas Mut und lief die flacheren Passagen. Die Huto Racers waren noch in Sichtweite und ich beschloss, irgendwie aufzuschließen. Immerhin konnte ich sie vor dem letzten Anstieg passieren. Am Ende waren sie beide zusammen trotzdem schneller unterwegs als ich allein. Wieder wow. Die 300 Meter ins Ziel sprintete ich nochmal, aber war ziemlich enttäuscht von meiner Leistung. War da mehr drin gewesen und ich hatte Angst vor der eigenen Courage?

Bild: Birgit Ziller

Ich lief wieder ein Stück runter und holte Bianca ab, die sichtlich angeschossen anlief und mich fragte, wieviel Meter es noch seien. „100!“ und der Zielsprint war nochmal tough. Egal, wir hatten es geschafft. Die Sonne schien, das Mittagessen war fertig und überhaupt, es gab hier heute nichts zu gewinnen oder zu verlieren. Oder doch? Unsere addierten 2:22h reichten nur zur Holzmedaille. Ja, wir guckten etwas in die Röhre. Team Sulden hatte einen überlegenen Tagessieg gefeiert und wir rätselten, wo denn die Minute wohl liegengeblieben war. Das war vermessen angesichts dessen, dass wir mit dem Format keine Erfahrung hatten und überhaupt nicht als die besten Kletterer dieses TARs bekannt waren. In die Gesamtwertung ging die langsamere Zeit ein, aber auch das war unproblematisch. Die Abstände lagen im Sekundenbereich. Den Gesamtplatz 3 hatten wir sogar gefestigt. Also doch alles gut? Mit gemischten Gefühlen starteten wir in das letzte Drittel des TARs.

Etappe 6: Die Kündigung

Wieder mehr als 40 Km, wieder mehr als 2.000 Höhenmeter. Von Samnaun nach Scuol türmte sich ein anspruchsvolles Profil auf. Das Wetter sollte nicht besser werden, ganz im Gegenteil. Nach der kleinen Enttäuschung am Vortag hatten wir uns kontrollierte Attacke vorgenommen. Ich baute an meinen Trailrucksack noch eine Kordel, so dass wir ein Tandem bilden konnten – wenn es denn nötig werden würde. Und das kam schneller als gedacht. Der Anstieg zum Zeblasjoch und der V1 ging noch ganz ordentlich, aber Bianca kämpfte sehr früh. Oben erwartete uns welliges und steiniges Profil, das wusste ich. Dazu kamen Nebel und Nieselregen. Das weitere Klettern zur Fuorcia Val Gronda wurde zum Geduldsspiel.

Auf den technischen Abstiegen wurden wir durchgereicht, das war nun nicht so neu für uns. Aber dazu kam, dass es Bianca nicht gut ging. Sie schob das mehrmals auf den zu schnellen ersten Anstieg. Natürlich sucht man Gründe, aber der war es eher nicht. Ich versuchte sie mehrmals aufzumuntern, aber durchgehend erfolglos. Das Getingel machte mir auch keinen Spaß mehr. Es kamen vor und nach der V2 zwar noch gut laufbare Forstwege, aber die Luft war raus. In jeder Hinsicht. Ich versuchte Bianca auch auf den flachen Passagen zu ziehen. Die Kordel hatte sich jedenfalls bewährt. Die 900 Höhenmeter des zweiten großen Anstiegs gaben uns dann den Rest. Die Kommunikation war nur noch eisig und es wurde auch für mich körperlich sehr hart. Aber noch kämpften wir gemeinsam. Dass es heute ein schwieriger Tag werden würde, war nach 5 Kilometern klar. Aber ich war trotzdem sehr enttäuscht davon, wie wir damit umgingen.

Bild: Sportograf

Meine letzte Hoffnung war der Downhill durch das Skigebiet. Aber auch hier kamen wir uns nicht mehr näher. Körperlich und mental am Ende schoben wir uns vergleichsweise langsam nach Scuol. An der V3 vergaß ich zudem Biancas Stöcke, was auf sehr begrenzte Begeisterung stieß. Ein wirklich schöner, griffiger Downhill führte uns hinunter – im Schneckentempo. Ich hatte aufgegeben, irgendwas zu versuchen, sei es vorzulaufen oder aufzumuntern. Stattdessen hielt ich mich Respektabstand hinter Bianca. Das Team war nicht mehr vorhanden, und darüber ärgerte ich mich am meisten. Da ist man 200 Km zusammen unterwegs und macht sich selbst das Leben so schwer.

Bild: Sportograf

Immerhin kamen wir an. Der eigentlich spektakuläre Zieleinlauf über die Inn-Brücke verkam zum Pflichtprogramm und als Bianca dann auch den Handshake über die Ziellinie verweigerte, war das Ding für mich gelaufen. Ich setzte mich 100 Meter weiter an einen Baum, heulte vor mich hin und überlegte, wie ich denn so schnell wie möglich von hier nach München kommen könnte. Zum Glück setzte sintflutartiger Regen ein und ich musste meinen Platz verlassen. Wer weiß, wie lange ich mich noch im Selbstmitleid gesuhlt hätte. Zwei Gemüsebrühen später und auf dem Weg zur Massage machte ich dieses Foto auf der Brücke, beobachtete, wie andere Teams ihr Finish feierten, obwohl sie 1,5h langsamer als wir und im strömenden Regen unterwegs waren. Wie kindisch war das eigentlich, was wir hier veranstalteten?

Bei der Massage trafen wir uns dann wieder, aber über den Lauf reden wollte niemand. Ich hatte auf dem Weg lange mit Marek getextet, der dachte wohl, die sind völlig übergeschnappt. Jetzt einfach das Finish wegschmeißen, weil es eine Etappe nicht funktioniert hat? War das Ego wirklich so groß? Wir gingen immerhin gemeinsam zum Hotel, naja, eher zur Absteige, checkten ein und waren furchtbar beschäftigt mit Sachen trocknen, duschen, sortieren… Beim Abendessen im Nachbarhotel wechselten wir gefühlte 10 Worte und ich war mir alles andere als sicher, dass wir morgen starten würden. Als Bianca sagte, dass unser Edel-Support Martina auf dem Weg nach Scuol sei, konnte das vieles heißen. Doch nicht etwa, um sie abzuholen? Wir verbrachten die Nacht in getrennten Hotels und ich machte kein Auge zu. What a day.

Etappe 7: Die Wiederauferstehung II

ENDLICH wurde es hell im wolkenverhangenen Scuol. Ich bereitete mich wie immer auf die Etappe vor und war schon um 7 Uhr im Startbereich, um meinen Fuß nochmal tapen zu lassen. Signale, dass wir nicht starten würden, erreichten mich nicht. Allein das war eine gute Nachricht. Das Streckenprofil hatte ich nochmal gut studiert, wenn es überhaupt eine für uns passende Etappe geben würde, dann diese. Ich lenkte mich noch mit Smalltalk ab und 15 Minuten vor Startschuss traf dann die Chefin ein. Das Ritual mit dem Selfie vor dem Start hatte uns immer Glück gebracht. Wir besprachen keine Taktik oder ähnliches, sondern liefen einfach los.

Geht es noch müder?

7 Km flach oder sogar abfallend, wir liefen mit einer guten 4:40er Pace. Ganz fluffig geht das nicht mehr, aber wirklich folgen konnte uns aus unserer Kategorie niemand. Ich fasste wieder Mut, denn schließlich mussten die anderen uns erstmal überholen. Die Uina-Schlucht lag zwar 900 Meter oberhalb vom Start, aber es war keineswegs steil. Ich erwähnte mehrmals die Königsetappe, wo wir mit der kontrollierten Offensive gut gefahren sind. Und es rollte. Ich machte ein paar Fotos und auch ein Video mit der GoPro. Freute mich einfach darüber, dass wir wieder unterwegs waren und nicht aufgegeben hatten. Und wir waren keineswegs langsam. Am Ausgang der Schlucht, von der wir im Nebel nicht viel gesehen haben, wartete der Neuschnee mit eisigen Temperaturen. Und auch das Team Sulden, dass inzwischen aufgeschlossen hatte.

Bild: Sportograf

Bild: Klaus Fengler

Es war nass, es war kalt, es war matschig. Ich zog Bianca immer mal wieder an den Stöcken, so dass ich meine Finger bald nicht mehr spürte. Jens und Irene liefen dann doch vorbei. Mir war das alles egal, Hauptsache, wir waren weiter im Rennen. Bianca ging es nicht überragend, aber auch nicht so schlecht wie am Vortag. Bis zur V2 ging es nochmal ordentlich runter, aber nur kurz auf einem technischen Trail. Ich wollte noch auf das Herren-WC, aber Bianca war so schnell, dass ich das aufschieben musste. Die V2 war etwas vorgezogen, weshalb die Zeitmatte erst 100 Meter dahinter lag. Ich sah beim Einlaufen, dass Team Sulden gerade „abgelegt“ hatte – das waren vielleicht 2-3 Minuten Vorsprung. Bianca rannte bereits vor über die Bake, so dass ich nur schnell Cola auffüllen konnte und kurze Zeit später fiel mir die Flasche runter. Soweit zur Verpflegungsaufnahme. Aber sie sendete das klare Zeichen, dass wir den Kampf im strömenden Regen aufnehmen würden.

Einige Straßen und Forstwege später hatten wir uns eingerollt. Wir konnten die Führenden schon an jedem Zwischenanstieg sehen. Jetzt war ich mir sicher, dass wir beide das gleiche dachten. Etwas weiter oben kamen uns die beiden entgegen – sie waren sich nicht sicher, welcher Weg der richtige sei. Bianca schon, also trabten wir ein paar Meter hinterher. Und dann hielt uns nichts mehr. Ein Antritt und wir setzten uns gleich ein paar Meter ab. Es folgten viele Forstweg-Serpentinen runter nach Laatsch, auf etwa drei Kilometern taten wir das, was wir seit jeher am besten konnten: schnell runterlaufen. Auf dem etwa vier Kilometer langen Radweg von Laatsch nach Prad überholten wir sogar das führende Damen-Team – zum ersten Mal. Ein Spaziergang war das nicht. Der Regen setzte Bianca zu und wärmer wurde es nicht. Ich hatte zwar vom Start weg meine Regenjacke an, aber die war lange durch. Bianca sah nicht mehr viel und auch die Wade war nach dem Downhill zu. Doch auch das sollte uns nicht aufhalten.

Nach Prad führte ein fieser, welliger Trail, wir mussten immer wieder gehen und uns neu sammeln. Aber ich war mir sicher, dass wir es gemeinsam ins Ziel bringen würden. Hinter uns kam lange nichts, selbst 2-3 Minuten kann man auf den letzten 5 Kilometern kaum noch aufholen bei den miesen äußeren Bedingungen. Bianca kämpfte frierend um jeden Höhenmeter und ich zog sie an den Stöcken bis über die Ziellinie. Von außen mag dieser Zieleinlauf als bescheiden gesehen werden. Nur Martina harrte im Dauerregen aus. Aber für mich war es der sonnigste Zieleinlauf ever. Wir hatten von Minute 1 an wieder als Team gekämpft. Und deshalb war dieser Tagessieg und der zurückeroberte Platz 3 in der Gesamtwertung so verdient. What a day, again.

Etappe 8: Die Absicherung

Auf dem Briefing am Vorabend kündigte Renndirektor Martin an, dass die Alternativroute gelaufen wird. Die Wetterprognose war wieder grottig, so dass eine Überschreitung der Tabarettascharte auf 2.900m zu gefährlich sei. Wir waren da keineswegs böse drüber, dadurch fielen gute 500 Höhenmeter weg. Unsere Taktik war ganz einfach: Platz 3 absichern, kein Risiko, nur nach hinten schauen. Geschenkt gab es auch am letzten Tag nichts mehr. Komischerweise hatte ich wieder mehr Probleme bei den Aufstiegen.

Bild: Sportograf

Wir arbeiteten diese letzten Kilometer förmlich ab. Redeten nur das Nötigste. Aber verstanden uns intuitiv. Die Downhills liefen wir kontrolliert und dementsprechend langsam. Nach meiner Rechnung waren wir 5. oder 6. – alles im grünen Bereich. Der letzte Aufstieg auf der Skipiste war nochmal bääääääh, es war ein sehr gutes Gefühl, dass die mehr als 16.000 Höhenmeter geschafft waren. Plötzlich geht alles ganz schnell. Das 10 Km to go-Schild folgt, Sulden kommt in Sicht, viele Teams feiern schon auf der Strecke. Wir können uns noch nicht so richtig freuen, als wir auf den letzten Kilometer biegen. Zuviele Hochs und Tiefs der letzten 8 Tage zerrten an unseren Nerven und waren lange nicht verarbeitet. Der Stolz auf das gemeinsam Erreichte kam erst später.

Bild: Sportograf

Aber erstmal waren wir Finisher.

Bild: Sportograf

Die Nachwirkung

Eine Woche lang jeden Tag um die 40 Kilometer und >2.000 Höhenmeter bei bescheidenen Wetterbedingungen um eine gute Platzierung laufen. Wer da erwartet, dass alles immer nur „fun“ ist, es wie von selbst läuft und man sich einfach nur zusammenreißen muss, der irrt gewaltig. Das war ein ganz anderer TAR als vor einem Jahr. Er war nicht besser oder schlechter. Diese Alpenüberquerung ist für sich eine Herausforderung für Körper und Geist und jede steht für sich. Das muss man zulassen. Und man muss bereit sein, sich zu quälen und Schmerzen zu ertragen. Irgendwie ist uns das alles gelungen. Auf eine andere Art, als ich mir das an meinem Schreibtisch vorgestellt hatte. Als ich drei Wochen vorher mit einem Grinsen das Anmeldeformular zum Transalpine Run 2019 ausgefüllt hatte.

3 Kommentare

  1. Martin 4 Wochen vor

    Man muss eigentlich gar nicht den Text lesen, um zu sehen, was für eine geile Sch… das war! ^^

    Gratuliere zu der Leistung und selbstredend erst recht zum Podiumsplatz.

    Ich will auch…

  2. Marek 4 Wochen vor

    Wahnsinn, diese ganze Woche, so komprimiert und garniert mit allem, was man sich vorher (nicht) vorstellen kann. Ihr habt voll abgeliefert, ohne wenn und aber. Natürlich muss man sehen, dass eure Ausgangsposition ja eine komplett andere war als das bei unseren beiden TARs der Fall war. Wir hatten ja in der MEN überhaupt nichts mit den vorderen Plätzen zu tun. Das war bei euch in der MASTER MIXED ja der Fall. Und das verändert natürlich auch die ganze Herangehensweise in nicht unerheblicher Art und Weise: die Konkurrenz ist immer im Blick, eine Cola auf der Alm ist da eben nicht drin, es könnte ja einen Platz kosten. Die Taktik spielt eine immens wichtige Rolle, wenn sie nicht funktioniert, hat das Folgen für die Gesamtwertung. Die Frage dabei ist halt: macht das dann wirklich noch soviel Spaß?

    Du hast ja schön geschrieben, dass es nicht immer nur „Fun“ ist, sondern man natürlich sehr oft an seine Grenzen gehen muss. Und machen wir uns nichts vor: wir mussten das auch tun, nur eben an anderer Position im Feld. Alleine das Finish kostet schon fast alle Reserven. Und dieses ganze Gerechne und Geplänkel ist natürlich schon spannend, gerade wenn man eben wir ihr da vorne mitspielt. Zwei Podiumsplätze, ein grandioser Tageserfolg – viel mehr geht wohl nicht bei der Premiere. Da habt ihr ordentlich vorgelegt, wird schwer zu toppen sein.

    Und mich bestärkt der Bericht in der Annahme, dass ein funktionierendes Team die Basis für einen Erfolg beim TAR ist. Und nur das. Eure Krise habt ihr gemeistert, daraus könnt ihr gestärkt hervorgehen.

    Beeindruckend, der Bericht und die Bilder. Da bekomme ich wirklich Lust, mich da auch nochmal in dieses Abenteuer zu werfen.

  3. Christoph Gerth 3 Wochen vor

    Das T Shirt ist verdammt verdient über Höhen und Tiefen in jeder Hinsicht

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