Zu zweit läuft's besser.

Auf die Gurke, fertig, los – 10. Spreewaldmarathon

Auf die Gurke, fertig, los – 10. Spreewaldmarathon
25. April 2012 Marek

Nun steht sie also endlich: die erste Marathon-Zeit ist schwarz auf weiß zu sehen. Das heißt, ich habe den ersten 42,195km-Lauf in meinem Leben überstanden und bin ins Ziel gekommen. Aber der Reihe nach – das Wochenende und besonders das Rennen hatten es in sich. Britta hat mich das ganze Wochenende begleitet und war auch während des Laufes mit dem Rad an meiner Seite. Das sollte sich als großer Glücksfall erweisen. Dazu aber später mehr. Und so lief das Wochenende, beschrieben aus beiden Sichten, von Britta und von Marek:

FREITAG/SAMSTAG: ANKOMMEN UND STRECKE ERKUNDEN

{M a r e k}

      Da wir zeitig angereist sind, konnten wir die Startunterlagen schon am Freitag nachmittag abholen. Hier war die Organisation suboptimal trotz der wenigen Leute, die auf die gleiche Idee wie wir kamen. Es dauerte ca. 20min, wir entschieden uns aber trotzdem, das offizielle Teilnehmershirt zu kaufen, für 18,- war das auch ein fairer Preis für ein schönes Shirt.

 

    Die Strecke selbst erkundeten wir dann am Samstag per Bike. Sollte doch einfach sein! Mit dem Streckenplan ausgerüstet machten wir uns vom Start- und Zielbereich in Burg ans Werk. Die ersten Kilometer klappte das auch problemlos, aber schon bald wurde es ohne Markierungen (die nur spärlich auf den Wegen waren) schwierig. Wir staunten nicht schlecht, als wir bei km8,5 auf die Halbmarathonis trafen, die den Halben in Lübbenau bestritten. Die Schnellen waren aber da schon lange durch, so dass wir nur noch einige Genußläufer (ja sowas gibt es) und Walker kreuzten. Zwischen km10 und km11 verfuhren wir uns dann bereits ein zweites Mal. Wieder auf dem rechten Weg scheiterten wir dann aber final bei km13 und km14 und beschlossen, unsere Kräfte zu schonen und den Nachmittag noch mit einer Paddeltour zu beenden. Das Carboloading am Abend sollte nochmal die Kohlenhydrat-Speicher auffüllen. Zuvor standen wir aber noch ca. 2h an der Straße, weil wir den Skater-Marathon nicht auf dem Schirm hatten. Kein Durchkommen war mehr möglich.

VOR DEM START/ km1-4: EIN SPRINT ZUM ANFANG

{M a r e k}

      Endlich war der Sonntag da. Gegen 09:30 schlossen wir unsere Bikes an und erkundeten den Startbereich. Wieder gab es eine Skater-Veranstaltung vorher. Der Trubel wurde größer und somit auch die Nervosität. Das Einlaufen hielt ich einigermaßen kurz. Beim Weg zum Start treffen wir noch den Jörg, unseren Ultra-Läufer von der LG Mauerweg. Er erzählt uns noch von der „Hetzerei“ eines Marathons, seien doch die 42km eher eine Kurzstrecke. Nunja. Dann stehe ich am Start. Um mich herum fast nur 10k-und HM-Läufer. Stehe ich zu weit vorne? Der Countdown wird mit flotter Schlagermusik eingeleitet, auch was anderes. Britta macht noch fix Fotos und dann gehts auch schon los. Die ersten 4km sollte ich alleine laufen und dann wollten wir zusammen weitermachen.

 

    Es geht problemlos nach dem Start vorwärts und ich meine, auf dem angestrebten Tempo von 04:15/km zu sein. Der Schreck fährt mir in die Glieder bei der ersten Zwischenzeit: 03:49. Ich kann es kaum glauben. Aber das war kein Messfehler, wie mir die nächsten beiden Kilometer, die ebenfalls unter 4min liegen, dann bestätigen. Ich versuche langsamer zu machen, aber es klappt nicht. Bei km4 – unserem Treffpunkt – biegen die 10k-Läufer zum Glück ab. Aber wo ist Britta? Ich sehe sie erst, als ich bereits 50m vorbei bin. Ich rufe ihr noch zu, bekomme aber etwas Panik, dass sie das nicht hört und dann da auf mich vergebens wartet.

{B r i t t a}

      Am Morgen wache ich mit heftigen Kopf- und Gliederschmerzen auf und jetzt heißt es: „bloß nichts anmerken lassen“. Also zwei Tabletten eingeworfen und fröhlich den Tag begonnen. Marek war noch relativ entspannt und ich wurde immer aufgeregter. Würde alles so klappen, wie wir uns das vorgenommen hatten? Nach einem leckeren Frühstück machen wir uns mit unseren Fahrrädern auf den Weg. Am Start war schon so einiges los und die Skater fuhren grad ihren HM. Ich werfe immer wieder einen Seitenblick auf Marek, um seinen Zustand einzuschätzen. Ich werde immer nervöser, während er noch ruhig ist. Er geht sich warmlaufen und ich rufe nochmal Henrik an, um letzte Details mit ihm zu besprechen. Die Kommunikation sollte schließlich gut funktionieren. Noch schnell zwei Fotos und ein kurzes Video gemacht und dann begleite ich Marek zum Start, wo sich schon einige Läufer versammelt haben. Danach geselle ich mich zu den Zuschauern kurz hinter der Startlinie, um den Start zu filmen und um sicher zu gehen, dass er auch wirklich losläuft ;-).

 

      Als er an mir vorbei ist, zwänge und drängele ich mich durch die Zuschauer und die Walker, die sich in Richtung Startlinie begeben. Im Nachhinein kostet es mich mehr Zeit, als ich dachte. Endlich an ihnen vorbei, sprinte ich zum Fahrrad. Schnell Kamera und Handy in der Lenkertasche verstauen, Headset angeschlossen und los ging es! Ich sollte eine Abkürzung fahren und dann bei km4 auf Marek treffen. Diese „Abkürzung“ kommt mir schon beim Fahren relativ lang vor. Ich halte bei einem Streckenposten, der gerade sein erstes Bierchen öffnet und versichere mich, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ja, das bin ich. Ich solle doch bitte seinen Kumpel am nächsten Streckenposten grüßen. Klar, gerne und danke.

 

    Dann, ca. 200m vor unserem Treffpunkt biege ich um die Ecke und sehe in der Ferne schon die ersten Läufer unseren „Treffpunkt“ passieren. Mist, war Marek schon vorbei? Kommt er noch? Während ich noch kräftiger in die Pedale trat, versuche ich Marek irgendwo unter den Läufern zu sehen und werde leicht panisch. Doch dann sehe ich ihn. Dank seiner gut gewählten knallgrünen Kleidung und dem weißen Cap kann ich ihn gut im Läuferfeld erkennen. Ich gebe Gummi, aber auf einmal kreuzen die 10km-Läufer meinen Weg und ich sehe Marek unseren Treffpunkt passieren. Er hatte mich aber auch gesehen und winkt mir zu. Er ruft auch noch etwas und ich denke nur: „er soll sich doch bitte seine Puste sparen“. Ich entspanne mich etwas. Ich wusste ja, dass ich ihn jetzt nur einholen brauchte. Seine ersten Worte: „Ich bin zu schnell!“.

km5-12 – TEMPO FINDEN

{M a r e k}

    Aber es klappt. Ich bin schnell eingeholt und wir üben das erste Mal das Trinken. Alles paßt, nur bin ich nachwievor zu schnell. Tempo finden. Erst bei km8 laufe ich erstmals die 04:15. Ob das gutgehen kann? Auf der ersten Runde sind noch die Halbmarathonis mit uns unterwegs. Es bilden sich einige Gruppen, der Wind weht teilweise kräftig und der Windschatten wird gesucht. Ich werde wieder schneller. 10k gehen bei glatt 41min durch. Das erste Gel geht gut runter. Vorsorglich, wer weiß was da kommen wird. Eines weiß ich schon jetzt, das wird ein Ritt auf der Grasnarbe. Aber es hilft nichts. Ich kann mich nicht bremsen. In dieser Zeit hängt sich ein Läufer hinter mich. Ich warte ständig darauf, dass er mich überholt. Auch Britta fährt mehrfach quer. Aber er will einfach nicht. Bei km12 spreche ich ihn kurz an, er läuft den Halben. Er weiß auch, dass ich die 2 Runden drehe. Das Tempo machen will er aber partout nicht. Man kann es durchaus egoistisch nennen, mich stört es zu dem Zeitpunkt nicht. Es läuft ja noch locker und leicht. Aber wie lange noch?

{B r i t t a}

      Es bilden sich immer wieder kleine Grüppchen hinter Marek, die es ihm schwer machen, das Tempo zu drosseln. Ich muss jetzt erstmal meinen Platz an Mareks Seite finden, was gar nicht so einfach ist, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich muss aufpassen, dass ich keinem Läufer in den Weg fahre oder beim Überholen behindere. Das Läuferfeld ist durch die Halbmarathonis noch relativ dicht und die Wege recht schmal. Kurz nach dem ersten Verpflegungspunkt darf ich mir auch das erste und einzige Mal anhören: „Räder sind hier eigentlich nicht gestattet“.

 

      „Wasser“? Ein Kopfschütteln von Marek. Ich frage ihn mehrfach, aber er trinkt nicht wirklich viel. „Alles gut“? Ein Kopfnicken (Kommunikation, wie ich sie von ihm gewohnt bin, aber hier doch ganz anders). Henrik ruft regelmäßig an und ich gebe ihm grob die Daten durch. Das erste „geplante“ Gel bei km10 trinkt er nur zur Hälfte. Und immer wieder seine Worte: „ich bin zu schnell“. Ich fühle mich hilflos. Henrik sagt, ich soll ihn ausbremsen, aber wie? Ich versuche es. Wenn ich seitlich neben ihm fahre, sagt er: „Fahr mal vor“ (und das musste ich dann auch, damit andere überholen können) und wenn ich vor ihm fahre, muss ich mich seinem Tempo anpassen, damit er nicht ins Fahrrad läuft.

 

    Auf vordere Läufer aufpassen, auf hintere und auf Marek. Auf manch engen Wegen ist das nicht einfach. Ich schaffe es nicht, sein Tempo zu drosseln und mache mir langsam Sorgen, ob das noch lange so gut geht. Aber Marek sieht gut aus und ist weiter zuversichtlich. Ich weiche nicht mehr von seiner Seite und beobachte ihn so gut es geht, um rechtzeitig zu merken, ob er etwas braucht. Marek ist ehrgeizig und auch wenn er es offiziell nicht zugegeben hat, weiß ich, welches Ziel er verfolgt. Und ich weiß auch, was passiert, wenn er dieses nicht erreicht.

km12-21 – UNERWARTETE HINDERNISSE UND „PLAN 2“

{M a r e k}

    Auf dem Kurfürstendamm kurz vor km18 begrüßen zwei Sprecher die Läufer namentlich. Das motiviert unheimlich. „Wir sehen uns ja dann noch in der zweiten Runde“. Auch da bin ich noch bester Dinge. Der an mir klebende Läufer läßt dann endlich abreißen. Bei km20 spielt eine Band (oder war es nur Lautsprechermusik?), hier trennt sich das Läuferfeld erneut. Jetzt sind die Marathonis alleine unterwegs. Das zweite Gel kommt zum Einsatz. Kurz vor der Hälfte dann die Überraschung: eine Holzbrücke muss passiert werden. Das war nicht eingeplant. Der Rhythmus ist weg. Ich riskiere einen Blick auf die Uhr: 01:26 irgendwas. Du bist ja so bescheuert, denke ich mir. Ich sollte Recht behalten.

{B r i t t a}

    Henrik ruft an und ich gebe ihm die aktuellen Daten durch. Die Kommunikation klappt super und ich bin froh, dass ich nur reden, filmen und Fotos machen muss und nicht auch noch Twittern & Co.. Dann biegen wir um eine Kurve und ich kann Henrik nur noch schnell „Scheiße, Treppe!“ zurufen und lege schnell auf. Eine Treppe war nicht eingeplant und schon gar keine Fotografen, die schmunzelnd dahinter stehen und mich beobachten, wie ich mein Fahrrad da rüberwuchte. Marek ist schnell wieder eingeholt, aber er flucht und ab da geht es erstmal bergab…

km21-24 – DER TRAUM der SUB3H BLEIBT EIN TRAUM

{M a r e k}

    Die Brücke hat Zeit gekostet. 15s langsamer machen aber gar nichts. Aber ich merke, dass es immer schwerer wird, das Tempo zu halten. Den Ralf habe ich bis dahin immer 200m vor mir. Er wird am Ende genau 1s über den 3h ins Ziel laufen. Zwischen km21 und km22 werde ich von zwei Läufern kassiert. Sie laufen auf Ralf auf und er hängt sich ran. Ich kann dem Tempo nicht folgen. Zwischendurch signalisiere ich Britta, dass „Plan 2“ gelaufen wird. Dieser sah die 03:15 als Zielzeit vor. Ich bin zwar noch einige Minuten zu den 3h voraus, aber zu dem Zeitpunkt realisiere ich schweren Herzens, dass es so nicht aufgehen wird. Bis km24 rollt es aber noch. Mehr schlecht als recht. Der Atem wird schwer und schnell. Geschätzte 3km fährt das Johanniter-Fahrzeug direkt hinter mir her. Ein schlechtes Omen? Ja.

{B r i t t a}

    Marek: „ZWEI!“ Zwei? Was meint er? AH! Plan Zwei…äh…gut. Ich hatte zwei Zeitpläne in der Tasche und Plan Zwei war der Plan, der nicht sein Favorit war. Wir hatten vereinbart, dass er mir kurz nach dem Halbmarathon sagen soll, nach welchem Plan er das Ding nach Hause laufen möchte. Gut: Plan Zwei. Ich merke, wie er immer frustrierter wird. Er schnauft und flucht und und ich bekomme etwas Angst, dass er das Handtuch schmeißt.

km24-30 – DIE KRITISCHSTE PHASE

{M a r e k}

    Nun geht es steil bergab. Der Wind pfeift gnadenlos. Ich bin auf mich allein gestellt. Der Windschatten, den Britta versucht zu geben, hilft nur begrenzt. Ich fange an zu fluchen. Die Schimpfwörter werden hier nicht wiedergegeben. Die Frustration steigt und die Kräfte sinken. Wie lange geht es noch? Kurz vor km28 resigniere ich das erste Mal. Nichts geht mehr. Außer ich. Die erste Gehpause ist da. Ich kann es kaum fassen. Schon so früh. Wie soll ich es denn noch unvorstellbare 14km ins Ziel schaffen? Dieser Punkt ist der vielleicht kritischste im ganzen Rennen. Hinschmeißen? Aufgeben? Das erste Mal ein DNF? Britta redet auf mich ein, auch wenn ich es kaum wahrnehme. Ich trinke erstmal einen ordentlichen Schluck. Plötzlich habe ich Durst. Zuwenig getrunken? Es scheint so. Beim Verpflegungspunkt kurz nach km29 trinke ich Cola. Das tut gut. Bis km30 halte ich noch zweimal an. Dieser Punkt ist psychologisch wichtig. Ich bin drüber. Von da an geht es plötzlich wieder besser. In einem lichten Moment realisiere ich, dass ich tatsächlich noch die 03:15 schaffen kann.

{B r i t t a}

    Der Gegenwind ist heftig. Ich versuche ihm so gut es geht Windschatten zu geben, aber das ist alles andere als einfach. Ich glaube, jetzt ist so langsam der Moment, an dem er sich von seiner (Traum)Zeit, die er die ganze Zeit im Kopf hatte, verabschiedet. Ich merke, wie ihn der starke Wind zusätzlich demotiviert. Er hat so gekämpft und der Frust ist hoch. Dann drehe ich mich um und da ist sie: die erste Gehpause. Ich denke mir nur: „Nein: er darf jetzt nicht aufgeben!“ Ich rede auf ihn ein und versuche die richtigen Worte zu finden: „Jetzt komm schon! Du hast so viel dafür getan.“, „Du gibst jetzt verdammt nochmal nicht auf, du ärgerst dich dann.“, „Es denken so viele an Dich, du bringst das Ding jetzt nach Hause!“ Ein schmaler Grad. Er ist so frustriert und ich hab das Gefühl, wenn ich etwas Falsches sage, dann schmeißt er erst recht hin. Aber er läuft dann erstmal weiter. Ob er mich verstanden hat, weiß ich allerdings gar nicht. Von der Strecke bekomme ich nichts mehr mit. Ich weiß teilweise nichtmal mehr, auf welchem Kilometer wir gerade sind. Ich bin zu 100% auf Marek konzentriert.

km30-40 – KAMPF AUF DER LETZTEN RILLE

{M a r e k}

    Die Zeiten pendeln sich wieder knapp unter 5min ein. Ich habe gar kein Zeitgefühl mehr. Die 3h sind schon lange abgehakt. Es gibt nur noch einen Gedanken: bringe das Ding ins Ziel. Auf dem Ku’damm bin ich nicht der Einzige, der nur noch geht. Das bringt sogar ein wenig Motivation: auch andere haben ihre Probleme. Die erste Frau hat mich da schon lange passiert. Es folgen noch einige Andere danach. Bei den beiden Sprechern lege ich die nächste Pause ein. Ein wenig Mitleid mischt sich in ihre Stimme: „Noch 3,7km, dann ist es geschafft.“ Hätten sie ja auch etwas abrunden können die Reststrecke. Zu dem Zeitpunkt kriege ich aber kaum noch etwas mit. Britta erwähnt was von der vollen Twitter-Timeline. Das hilft. Nur noch Tunnelblick. Die Kilometer werden immer länger.

{B r i t t a}

      Es folgen noch weitere Gehpausen. Keine „normalen“ Gehpausen. Sie sind gezeichnet vom Frust und vom Kampf. Und und jedes Mal bekomme ich Angst, dass er aufgibt. Ich rede auf ihn ein und merke aber auch, dass er mich gar nicht mehr so richtig wahrnimmt (obwohl er manchmal sogar noch antwortet). Wenn ich ihm doch nur irgendwie helfen könnte. Kann ich nicht. Ich kann nur versuchen ihn zu motivieren. Glücklicherweise meldet sich Henrik nochmal und lässt ausrichten, dass viele an ihn denken und mitfiebern. Ich richte es Marek aus und er reagiert sofort und sagt: „Danke, das tut gut.“

 

    Es geht wieder etwas besser. Er findet wieder in den Lauf. Er sagt, es liege am Trinken. Er hatte richtig Durst gehabt. Puh! Endlich wieder etwas Zuversicht seinerseits. Ich frage: „Plan Eins oder Plan Zwei?“ Er antwortet: „Plan Drei.“ O.k., doch nicht so viel Zuversicht. Ich rede weiter auf ihn ein, wie stolz er auf sich sein kann und wie großartig diese Zeit von Plan Zwei auch ist und und und. Ich will nicht, dass er den Spaß so völlig verliert und sich nicht über eine Zeit freuen kann, auf die er mit recht Stolz sein könnte. Ich quatsche ihn voll (und hoffe, dass etwas Ablenkung hilft) und freue mich, dass er gar nicht antworten kann 🙂 „Wasser“? Dieses mal nickt er. Warum nicht am Anfang auch so. Ich machte noch ein letztes Foto für Henrik und die Twitter-Freunde und verabschiede mich bei km 40 von ihm.

km40-42 – ES IST GESCHAFFT!

{M a r e k}

    Bei km40 verabschiedet sich Britta wie verabredet. Die letzten Meter muss ich es allein schaffen. Nichts leichter als das – kaum ist sie aus dem Blickfeld, lege ich die nächste Pause ein. Einige Radfahrer kommen mir entgegen und versuchen, mich aufzumuntern. Es geht noch ein ca. 500m lange Wendeschleife entlang. Das wußte ich vom Streckenplan. Beim Wendepunkt schnaufe ich dann das letzte Mal gehend durch. Noch 1,5km. Das rennst du sonst in 6min. Die Jungs vor mir kämpfen auch auf der letzten Rille. Sie sind kaum schneller unterwegs, ich hole sie wieder ein. 500m geht es dann noch durch einen sandigen Weg. Dann sehe ich das Ziel und höre die Ansagen. Ich nehme alles zusammen. Britta wollte mich im Ziel erwarten und filmen. Ich biege rechts in Richtung Ziel ab und höre sie schreien. Sehen tue ich sie nicht, obwohl sie vielleicht 3m daneben steht. Ich reiße die Arme hoch und stolpere über die Ziellinie. Was für ein Ritt! Die Zeit ist mir in dem Moment völlig egal. Als ich sehe, dass ich tatsächlich noch 03:11 gepackt habe, kann ich es kaum glauben. Paradox: neben mir findet gerade die Siegerehrung statt. Britta rennt mir hinterher und wir fallen uns ins die Arme. Geschafft und überglücklich.

{B r i t t a}

    Ich sprinte zum Ziel (vorbei an Volksmusikanten?), weil ich den Zieleinlauf natürlich nicht verpassen will! Schnell das Bike anschließen und ab zum (von Marek benannten) Zieltor. Ich positioniere mich mitten auf der Strecke und rufe Henrik nochmal an, dass ich jetzt im Ziel auf ihn warte. Und dann kommt er auch schon…der grüne Spreewaldflitzer…er rennt durch das Tor und reißt die Arme hoch. Er läuft direkt an mir vorbei und ich filme ihn noch, den „wirklichen“ Zieleinlauf. Dann nehme ich die Beine in die Hände und renne meinem Mann hinterher. Kurz hinter der Ziellinie erreiche ich ihn und schließe ihn einfach nur erleichtert und sehr sehr stolz in meine Arme. Seine ersten Worte: „Danke, ohne dich hätte ich das nicht geschafft!“. Das kommt so erleichtert und so glücklich und so ehrlich, dass ich Gänsehaut bekomme und mir dann doch auch die Tränen in die Augen schießen.

DIE MINUTEN „DANACH“

{M a r e k}

    Die zwei Krombacher gehen auf Ex. Das ist auch bitter nötig. Die Gurkenmedaille ist eine tolle Erinnerung an den Lauf (obwohl sie meine Jungs schon kaputtgekriegt haben). In der Turnhalle erholen wir uns kurz auf der Matte. Das Gehen fällt schwer. Im Zielbereich treffen wir noch den Ralf. Er wirkt nicht gerade überglücklich, obwohl er mir bestätigt, dass er die 3h gepackt hat. Vielleicht hat er da schon geahnt, dass es sehr knapp werden sollte. Wir lassen noch ein gemeinsames Foto machen und radeln dann die 3km zurück. Das fällt schon schwer. Der Körper hat langsam genug.

{B r i t t a}

    Es war ein einmaliges Erlebnis. Es ist etwas anderes, „seinen“ Läufer im Vorbeilaufen vom Rand der Strecke anzufeuern oder die ganze Zeit mit dabei zu sein. Den Kampf, den Frust und den Schmerz zu spüren…sich dabei so hilflos zu fühlen…dennoch etwas gemeinsam zu schaffen. Mein Respekt vor dieser Strecke und auch vor der Leistung von Marek ist sehr gestiegen. Es war Wahnsinn, wie er den Kampf gegen den Schweinehund gewinnen konnte. Ich hab ihn noch nie SO kämpfen sehen…Chapeau Mr. Marathoni!

DAS VIDEO VOM WOCHENENDE

RESUMÉE

Mit etwas Abstand kann ich sagen, dass die Entscheidung für den Spreewald als meinen ersten Marathon die richtige war. Kein großer überlaufener Stadtmarathon, eher beschaulich, mit wunderschöner Natur und viel Platz. Dadurch konnte mich Britta auch auf dem Bike begleiten. Und das war die vielleicht beste Entscheidung von allen. Sonst wäre ich wahrscheinlich schon bei km28 frustriert rausgegangen. Viele von Euch werden sagen, dass es vielleicht total wahnsinnig war, die 3h anzulaufen beim Ersten. Und ich gebe ich Euch damit recht. Aber die 3h waren einfach in meinem Kopf. Den ganzen Winter. Die gingen nicht mehr raus. Die Rechnung mit dem Lehrgeld habe ich auf der zweiten Runde artig bezahlt. Ich bin nicht frustriert darüber. Ich wußte, dass es schwer werden würde. Dafür bin ich um Einiges an Erfahrungen reicher. Und dieses Wochenende kann uns keiner mehr nehmen. Die 3h werden fallen. Früher oder später. Vielleicht schon in Berlin.

Zum Abschluß gibt es für Euch noch ein passendes Video von einer Adidas-Kampagne. „Geh ans Limit“ – was könnte Besseres zu meinem ersten Marathon passen?

11 Kommentare

  1. Henrik 5 Jahren vor

    Schön zu lesen, eine wirklich großartige Teamleistung von euch beiden! Wie wertvoll die „Individualbetreuung“ ist, habe ich selbst erleben dürfen und dass es auch noch so gut geklappt hat, lag sicher an eurer guten Vorbereitung. Du hast dich bärenstark gefühlt und dann sollte man auch angreifen. Am Sonntag gab es schließlich nicht viel zu verlieren. Es gibt wohl immer eine Phase im Marathon, in der man einfach stehenbleiben und sich heulend im Gras verkriechen will. Aber da genau zahlt sich die mentale Stärke aus. Der erste Marathon ist etwas Besonderes. Du kannst sehr stolz auf diese Leistung sein. Und: herzlich willkommen im Klub!

  2. Hannelore Lange 5 Jahren vor

    Mit Begeisterung und Hochachtung habe ich eure Berichte gelesen. Diese Leistung war einfach nur klasse!Ein Dankeschön natürlich an Britta , ihre Unterstützung war goldrichtig und ihre Berichte ebenfalls spannend.Auch Henrik aus der Ferne hat sein Hilfe einfließen lassen. Running-Twins ihr seid die Größten.

  3. Laufhannes 5 Jahren vor

    Die 3 Stunden waren nicht der Fehler, die 1:26 für die erste Hälfte war der große Fehler 😉 Aber das wirst du selbst wissen und nächstes Mal daraus lernen.

    Bis dahin: Sei stolz auf dich, du bist ein Marathoni!

  4. -timekiller- 5 Jahren vor

    Hallo Marek,

    Glückwunsch zum Finish, ein wirklich toller Lauf und ein super Bericht. Die „3h-Grenze“ zittert schon…

    Grüße -timekiller-

  5. Markus Herrmann 5 Jahren vor

    Hallo Marek,

    nochmal auch an dieser Stelle: Gratulation! Zum einen zur Leistung „Marathon gefinished“, zum anderen zu dem spannenden Bericht (in Film- und in Textform). Echt mitreißend.

    Die geschilderten Gefühle während des Laufs und danach erinnern mich sehr an meine ersten beiden Marathons. So wird’s wohl den meisten gehen … Toll!

    Ich habe 2009 in München meinen ersten Versuch gestartet, musste nach sehr guter Vorbereitung aber bei km 33 raus, nachdem ich auf der Strecke Magen-Darm-Probleme mit all ihren unangenehmen Nebenwirkungen (…) durchleben musste. Jetzt erst recht, hieß es für mich dann 2010, als ich in Regensburg penibelst vorbereitet und trotzdem ab km 40 auf der letzten Rille mit 3:45 Std. ins Ziel kam 🙂

    Ach, der Marathon ist nicht umsonst ein Mythos! Chapeau!

    Weiter so, hier im Blog und draußen auf der Strecke,

    Grüße, Markus

  6. Gerald 5 Jahren vor

    Toller Bericht Marek und Britta, ich musste richtig mitfiebern. Und nochmals Glückwunsch zu dieser bravourösen Leistung, von der Zeit träumen viele und nicht nur bei ihrem ersten Marathon. Die Drei-Stunden-Marke war also doch dein heimliches Ziel, auch wenn du das vorher nach außen immer abgestritten hast 😉 ich wusste es.
    Die Marke fällt bald, da bin ich mir ganz sicher.

  7. Andreas 5 Jahren vor

    Wahnsinn! Ich habe beim Lesen richtig mit dir (euch) mitgefiebert, obwohl ich die Zeit ja bereits kannte. Gratulation zu dieser wirklich tollen Leistung!

  8. Matthias 5 Jahren vor

    Wow, vielen Dank für den tollen Bericht der super spannend ist! Herzlichen Glückwunsch zu der tollen (gemeinschaftlichen) Leistung 🙂

  9. Bianca 5 Jahren vor

    Marek, einfach nur GROSSARTIG!!!
    Mit einer Premierenzeit von 3.11h hast du wirklich mal was vorgelegt. Ich hatte da nur eine 3.23h, da hast du mir also schon 12 Minuten voraus ;-). Naja, und die 23 min. die jetzt noch fehlen holst du bei den richtigen Bedingungen bestimmt.
    Mach weiter so!
    Start running and never stop!
    Bianca

  10. Danke euch allen für die Glückwünsche, das geht natürlich runter wie Öl. So langsam habe ich mich auch wieder aklimatisiert, es juckt schon wieder in den Beinen. Der Mythos läßt einen nicht mehr los. Ich freue mich auf Berlin!

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