Zu zweit läuft's besser.

Das hätten wir nicht gedacht

Das hätten wir nicht gedacht
1. Oktober 2013 Henrik

Berlin Marathon 2013Wer hätte gedacht, dass wir nach fast 3,5 Stunden zu den glücklichen Marathonfinishern gehören, die keine Sekunde bereut haben? Wer hätte gedacht, dass wir unser Zeitziel so grandios verfehlen trotz der perfekten Bedingungen, die uns Berlin bescherte? Wer hätte gedacht, dass wir noch auf der Strecke zwei neue Weltrekorde bewundern können? Wir jedenfalls nicht.

Für die Nettozeit von 3:27:46 mache ich ausschließlich mich verantwortlich. Marek lief locker, leicht und ohne jegliche Ermüdungserscheinungen, konnte jeden Meter genießen und die Stimmung aufsaugen. Ich lieferte genau das Gegenteil davon ab: verkrampft, schweren Schritts und spätestens nach der Hälfte des Rennens ausgepumpt wie eine Pfütze in der Mittagshitze. Das Verfassung von Running Twin 1 und 2 passte überhaupt nicht zusammen. Warum wir trotzdem zusammen ins Ziel liefen? Weil wir uns das genauso vorgenommen hatten. Ein Zwillingsplan bleibt ein Zwillingsplan. Und glücklicherweise galten Plan B und Plan C auch für uns beide. Marek hatte ja keinerlei zeitliche Ambitionen nach der fulminanten 2:57h vom letzten Jahr. Und vielleicht war es genau das richtige Rezept – einfach mal ambitionsfrei mitlaufen und schauen, was geht. Wir haben wieder viel gelernt.

Im Startblock D trafen wir die beiden RUNNING Company-Läufer Michael und Stefan, die ebenso guten Mutes waren. Die eine Stunde bis zum Startschuss ging schnell rum und wir begaben uns ambitionsvolltrunken auf die Reise. Diesmal liefen wir nicht Hals über Kopf los, sondern achteten peinlich genau auf das Tempo.

Km 5: „Tempo passt. Und von wegen flach!“
Km 10: „Wenn das immer so leicht im Training wäre.“

Am Strausberger Platz war der erste Meilenstein genommen und wir trafen unsere Eltern und Mareks Kollegen. Das war sehr motivierend. Runter nach Kreuzberg, alles lief wie am Schnürchen. Wir hatten den 3:15h-Zeitläufer auf Kilometer 2 überholt. Und fragten uns, welcher blaue Ballon immer so 200 Meter vor uns lief. Der 3h-Läufer konnte es nicht sein. Wurden wir unbemerkt überholt? In dem ganzen Trubel war das nicht auszuschließen. Die Strecke war teilweise recht eng und an den Verpflegungspunkten herrschte das übliche Nahkampf-Gedrängel.

Km 15: „5 Sekunden schneller müssen wir werden.“
Km 20: „Gleich Halbzeit.“

Es deutete sich schon vor der Yorckstraße an, dass es heute richtig schwer werden würde. Wir versuchten, das Tempo moderat zu verschärfen, aber das gelang nur für zwei Kilometer. Dann bremste ich erneut erfolgreich runter. Wer Bestzeit laufen will, muss hier noch locker sein und jederzeit das Tempo erhöhen können. Die Menschenmassen an der Strecke waren grandios. An denen hat es nicht gelegen.

Km 21,1: „Boah, so langsam?“
Km 25: „Kannst du nochmal zulegen?“

Die Halbmarathon-Marke wollte nicht so recht kommen und mit 1:37:28 waren wir lächerliche zwei Sekunden unter der angepeilten Zielzeit. Nun ist das mit der Extrapolation so eine Sache. Ich hoffte immer noch, dass sich das kontrollierte und keineswegs zu hohe Anfangstempo auszahlen würde. Doch genau das Gegenteil trat ein. Der Mann mit dem Hammer ließ sich nicht lange bitten und machte ziemlich ruckartig den Ofen aus. Er zertrümmerte unerbittlich jede einzelne Faser des linken Kniebeugers. Mein Kopf schaltete ungefähr bei Km 25 ab. Es war einfach zu schnell zu schwer, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Die Läufermassen flogen nun vorbei. So bitter. Und noch 14 unendlich lange Kilometer.

Km 30: „Ich gehe mal den Fitschen machen.“
Km 35: „Die Bestzeit ist noch locker drin.“

Marek stemmte sich mit aller Macht gegen meinen Einbruch. Sogar eine ausgedehnte Fitschen-Pause konnte er einlegen, um mich dann ohne Probleme wieder einzuholen. Immer wieder zählte er runter und motivierte mich. Der Blick auf die Motivation Wall beim Km 34 mit Peter Maisenbacher half nicht – da stand nichts für uns. Geholfen hätte es sowieso nicht. Inzwischen trabten wir einen 5:30er Schnitt. Am Nollendorfplatz schlüpfte ein gut gelaunter Gerald durch und machte sich ans Einsammeln vieler Läufer, die mein Leiden teilten. Die Bestzeit war hier noch drin, aber dazu hätte es einer Endbeschleunigung bedurft.

Km 40: „Bringen wir es ins Ziel.“
Km 42: „Heiko, was machst du hier?“

Unsere größten Fans standen mit Megaphone bei Km 39 an der Leipziger Straße und bereiteten uns einen fulminanten Empfang. Ich war ganz schön zermürbt, dass ich das alles nicht genießen konnte. Und so schleppte mich Marek ins Ziel. 100 Meter davor holte uns Team World Vision-Läufer Heiko ein und wir liefen gemeinsam ein. Ein Gänsehaut-Abschluss des Berlin Marathons 2013 war das. Ich malte mir lange vor dem Zieleinlauf aus, dass die Enttäuschung groß sein und ich mich wohl eingraben würde.

Aber genau das passierte nicht. Es überwog die Freude über dieses tolle Event und die Menschen, die uns unterstützt und an uns geglaubt haben. Ich bin sehr stolz auf meinen Bruder. Wenn er am Sonntag nicht an meiner Seite gewesen wäre, ich hätte mich wohl heulend auf den Hollenzollerndamm gesetzt, so schwach war der Geist. Und damit war das Ende des Berlin Marathons viel zu versöhnlich und emotional, als dass wir uns über das verpasste Zeitziel hätten ärgern können.

Das hätten wir nicht gedacht.

BM2013

34 Kommentare

  1. Joshly 4 Jahren vor

    Ich finds super, dass ihr so lange zusammengeblieben seid. Die Zeit mag nicht euren Ansprüchen entsprechen, ist doch aber trotzdem noch super!
    Ich habe meinen ersten Marathon auch hinter mich gebracht und schwebe seitdem auf Wolke 7. Seid also stolz auf eure trotzdem sehr gute Leistung!:-)

  2. Gerd (diro1962) 4 Jahren vor

    Richtig Super zu lesen wie Ihr beide das gemeinsam durchgezogen habt. Und die Zeit ist immer noch erste Sahne. Respekt!

  3. Marek 4 Jahren vor

    Sicher nicht unser schnellster, aber dafür mit Abstand der schönste Marathon! Für mich eine ganz neue Erfahrung, diese ganze fantastische Atmosphäre, die Berlin bietet, vollends genießen zu können – vom ersten bis zum letzten der 42195 Meter. Ich habe im letzten Jahr kaum etwas davon mitbekommen, wenn ich ehrlich bin. Zu sehr war ich auf die Zeit fokussiert und habe alles drumherum ausgeblendet. Aber dafür ist Berlin wirklich viel zu schade! In manchen Kurven hatte ich Gänsehaut, so haben die Leute gebrüllt und gejubelt. Auch das Brandenburger Tor und die Zielgerade werden lange in Erinnerung bleiben – für solche Momente lebt man. Ich bin sehr froh, dass wir das gemeinsam erleben durften und auch überhaupt nicht enttäuscht, dass es mit der „geplanten“ Zeit nicht geklappt hat. Gegen solche Tage ist man einfach machtlos. Aber du hast das Ding trotz der frühen Probleme mit großem Kampfgeist zu Ende gelaufen. Und allein das ist schon eine großartige Leistung, es hat dir wahrscheinlich mehr abverlangt als jedes andere harte Rennen zuvor. Und genau deswegen laufen wir doch zusammen – es wäre ja schon fast langweilig, wenn wir beide mal einen guten Tag hätten 🙂 Ich erinnere mich da gerne an die Nacht vom 12. auf den 13.5. diesen Jahres, wo ich völlig platt am Ende war und du das Ding für uns nach Hause gerannt bist.

    Berlin 2013 – einfach nur ein wahnsinnig tolles Erlebnis, an das ich mich lange zurückerinnern werde. Und das nur in positiver Weise!

  4. Britta 4 Jahren vor

    Zum heulen schön geschrieben… Vielen Dank dafür!! … Ihr seid einfach toll und ich bin sehr stolz auf euch!

  5. Bianca 4 Jahren vor

    Zum Marathon-Held wird man mit dem Zieleinlauf. Und das habt ihr beide grandios geschafft. Zeiten kommen und gehen, der Stolz über ein Finish bleitbt; ganz besonders wenn es so hart war Henrik.

  6. Mark 4 Jahren vor

    Vielen Dank für die wunderbare Story. Ihr beiden seid ein tolles Team!

  7. Andreas 4 Jahren vor

    Hättet ihr bloß bei mir am Verpflegungspunkt einen Becher Wasser und Energie getankt 😉 Klasse, dass ihr so zusammen gehalten habt!

  8. Ricke 4 Jahren vor

    Na gut, nächstes Jahr jubele ich NOCH lauter! 😉 Good job!

  9. Hannelore Lange 4 Jahren vor

    Dein Bericht ist wieder sehr emotional,die Atmosphäre des Marathons deutlich spürbar.Wir sind stolz auf euren tiefen Zusammenhalt als Brüder und Läufer und haben an der Strecke mitgefiebert, für einen erfolgreichen Lauf. JA, diese Leistung von Euch Beiden war großartig ! !

  10. Dany 4 Jahren vor

    Das ist ein schöner und emotionaler Bericht und eine klasse Leistung, die ihr da gemeinsam vollbracht habt. Ich ziehe meinen Hut… 🙂

  11. Marco 4 Jahren vor

    Wahnsinn! Klasse Bericht und was die Zeit angeht, kann ich nur sagen, dass ich persönlich froh wäre, so eine Leistung abrufen zu können.

  12. Manu 4 Jahren vor

    Super, ein tolles Team! Und man muss nicht immer neue Bestzeiten laufen! Sonst verpasst man noch vor lauter Schnelllaufen die tolle Atmosphäre 🙂

  13. katie 4 Jahren vor

    Ich bin so wahnsinnig stolz auf Euch!!!

  14. Lars 4 Jahren vor

    Toller Artikel! Danke für euren Einsatz für’s Team World Vision. Es macht einfach Spaß mit euch zu laufen … und vielleicht schaffe ich ja auch bald die 3:30 🙂 Bis dann!

  15. Brennr.de 4 Jahren vor

    Glückwunsch!!! Ich habe eure Zwischenzeiten via App verfolgt und hatte schon geahnt, dass ihr gemeinsam ins Ziel kommen wolt. Wenn ich den Bericht lese und dazu die Bilder anschaue, dann kann ich nur sagen „absolut richtige Entscheidung“! Ich freue mich für euch! 🙂

    • Autor
      Henrik 4 Jahren vor

      Danke, Christian. Dieser Teil des Plans hat perfekt funktioniert.

  16. Markus 4 Jahren vor

    Glückwunsch zum gemeinsamen Finish!
    Und gerade in Berlin muss es auch mal nicht auf die Zeit sondern auf die Freude am Laufen ankommen!

  17. Eddy 4 Jahren vor

    Es ist eben nicht immer (nur) die Zeit, die zählt! Ich finde es prima, dass ihr gemeinsam ins Ziel gelaufen seid – und ich finde es schade, dass ich euch nicht getroffen habe… Viele Grüße!

    • Autor
      Henrik 4 Jahren vor

      Mensch, Eddy, du hättest mehr auf dich aufmerksam machen müssen! 😉 Nächstes Mal laufen wir dir bestimmt vor deine Kamera.

  18. davidbinninger 4 Jahren vor

    Schöner Beitrag, schöner Lauf! Erinnert mich stark an meine eigenen Erlebnisse. 🙂

    • Autor
      Henrik 4 Jahren vor

      Du musstest ja auch ganz schön leiden. Aber Finish ist Finish. Dazu herzlichen Glückwunsch!

  19. Ruben 4 Jahren vor

    Gratulation ihr zwei… und schön, dass ihr auch eure Kompressionssocken teilt 😉 …

    Wie gut ihr zwei miteinander harmoniert hat man schnell gesehen, als ich euch am Tegernsee kennenlernen durfte. Von daher kann ich es mir nun umso besser vorstellen wie ihr zwei den Marathon gemeinsam geschafft habt.

    Das mit den Wunschzielzeit und Realität passiert halt, aber das ihr dafür die Veranstaltung so intensiv wahrnehmen konntet und somit mit dem ganzen Lauf so versöhnt sein könnt ist auf jeden Fall viel mehr wert… also gut erholen und im nächsten Jahr macht dann auch der Kniebeuger keine Zicken 😉 !!!

  20. Jan 4 Jahren vor

    …soso, beim km 30 also… 😉

    • Jan, gegen deine Performance von Berlin 2012 war ich natürlich komplett chancenlos 🙂 Zu meiner Schande muss ich zudem noch gestehen, dass ich ökologisch verwerflich gehandelt habe, weil die Dixies gerade nicht neben der Strecke standen!

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