Zu zweit läuft's besser.

Im Sandkasten für Erwachsene

Im Sandkasten für Erwachsene
19. Mai 2018 Henrik

Foto: Cano Fotosport

Vierzehn Stunden und fünfzehn Minuten – das ist ganz schön viel Zeit, selbst für eine läuferische Nord-Süd-Querung der „Isla Bonita“, wie die Kanareninsel La Palma genannt wird. Und auch in einem der vielleicht härtesten Ultratrails, die sich um die 75 Km Laufdistanz ranken, ist das eine eher unterdurchschnittliche Leistung. Auf dem Papier. Beim Realitätscheck sieht die Sache etwas anders aus, so dass ich sehr, sehr glücklich darüber war, überhaupt eine Medaille mit ins Flugzeug nach Deutschland zu nehmen.

Noch 6 Tage vorher war ich mir eigentlich sicher, nicht mal an den Start gehen zu können. Eine Fieberattacke streckte mich in der Nacht auf Montag nieder und der Arzt gab mir nur nach einiger Überredungskunst ein paar wirksame Pillen mit. So fühlte ich mich am Anreisetag am Mittwoch wieder erstaunlich gut. Überhaupt, drei Tage vor dem Rennen anzureisen und am Sonntag danach wieder abzureisen, erschien mir viel zu knapp, aber mehr Zeit konnten weder der Triathlet noch ich freischaufeln. Am Mittwoch drehten wir gleich noch eine Runde vom Leuchtturm zum ersten VP, schnackten mit so einigen Läufern und sprachen uns Mut zu. So richtig beeindrucken konnte uns das alles noch nicht. Auch die Probekilometer von El Pilar zum nächsten VP auf etwa 1.500 Meter Höhe am Donnerstag wirkten eher harmlos. Das Wetter war zwar kühl und neblig, aber genau so hatte ich mir das gewünscht. Die Knackpunkte des Transvulcanias konnten wir also im Vorfeld nicht rausarbeiten.

Selbst der Start am Samstagmorgen um 6 Uhr mit ganz viel Tamtam und Feuerwerk ließ mich nicht nervös werden. Die Vorbereitung war mau, aber ich fühlte mich gut und war mir sicher, heute zumindest durchzukommen. Der Triathlet fantasierte öfter über die Grenze von 12 Stunden. Ich ahnte aber, dass ich mich damit nicht beschäftigen brauchte.

Foto: Cano Fotosport

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dass ein Rennen niemals auf der ersten Hälfte entschieden wird. Da gibt es allerdings auf La Palma ein kleines Problem: der Cut-off in El Pilar ist nach fünf Stunden. Für 23,5 Km mit 2.500 Höhenmetern ist das nicht so ganz ohne. Viel rumtrödeln und schnacken ist also nicht angebracht. Wir waren nach 4:10h auf dem Campingplatz. Wir sind viel zu spät in die Startaufstellung gegangen und steckten dementsprechend lange auf dem Gänsemarsch hoch nach Los Canarios fest. Konditionell lief es sehr, sehr fluffig. Durch das langsame Tempo fühlte es sich zu keinem Zeitpunkt wirklich anstrengend an. Der Vulkansand war aber nervig und ich habe doch unterschätzt, wieviel Kraft jeder Schritt kostet. Am Faro de Funcaliente stürmte es regelrecht und das zog sich bis weit nach El Pilar. Dass ich mir heute noch einen Sonnenbrand holen und unter Hitze leiden würde, erschien mir in dieser Phase undenkbar. Der Triathlet hatte mich in El Pilar eingeholt. Ich merkte nach dem Abstieg meinen lädierten Oberschenkel und wollte eigentlich etwas langsamer machen. Hinzu kam ein richtig doofes Timing: um 10 Uhr wurden die Marathonis auf die Strecke gelassen und wir liefen sofort auf die langsamen Läufer auf. Beim nächsten Mal würde ich unbedingt so anlaufen, dass man vor dem Marathonstart in El Pilar durch ist. Denn das Problem beginnt etwa 7 Km danach: dann beginnt der Aufstieg auf einem Singletrail, wo Überholen fast unmöglich ist.

Foto: Cano Fotosport

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Foto: Manuel Jakobdas Wetter ist in den Bergen unberechenbar. Von 1.500 auf 1.800 Meter taucht man durch die Wolkendecke und es wird sehr kühl und feucht. Der Triathlet fragte mich, ob wir denn noch über die Wolken kämen. „Ja klar“ sagte ich und ich ahnte schon, dass es das für mich nicht besser machen würde. Der Weg bleibt schmal, aber sehr schön zu klettern, nicht wirklich anspruchsvoll. Inzwischen hatten wir die Regenjacken an. Ich kletterte immer so auf dem für mich gerade noch erträglichen Niveau, während ich den Eindruck hatte, dass der Triathlet locker doppelt so schnell könnte. Es gibt einige gut laufbare Passagen und ab 1.800 Meter werden die Ausblicke schöner. Die Sonne zeigt sich sofort und erstmal fühlt sich das sehr angenehm an. Am VP füllte ich die Wasserblase erstmals auf. Es erschien mir bis dahin die richtige Entscheidung, nicht nur auf die Soft Flasks zu setzen. Bis zum Marathon war es nun eigentlich nicht mehr weit.

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gute Verpflegung und Hydrierung sind unerlässlich, um das Ziel zu erreichen. Also ließen wir uns auf dem VP Pico de la Nieve genug Zeit. Erst hier zog ich die Ärmlinge aus, die ich seit dem Start getragen hatte. Und die Sonne knallte schon unerbittlich. Jetzt hangelten wir uns von Vulkan zu Vulkan. Mir ging es leider mit jedem Gipfelchen weniger gut, über 3.500 HM zeigte die Uhr schon an. Der Großteil war eigentlich geschafft, aber der Roque de los Muchachos war noch lange nicht in Sicht. Und selbst nachdem man die Sternwarte(?) zum ersten Mal sieht, ist es noch verdammt weit. Eine deutsche Wanderin rief zu ihrem Helmut, dass es wohl keinen Sinn mache, den Weg gegen unsere Laufrichtung zu gehen – ja, es war unverändert gut gefüllt auf der Strecke.

Foto: Manuel Jakob

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für den Downhill braucht man noch Reserven. Mit jedem Schritt hoch zum Roque wurde das Polster aber kleiner. Und immer wenn ich dachte, jetzt müsste dieser Berg aber wirklich erklommen sein, tauchte der nächste Vulkankegel auf. Die Aufstiege in der Sonne machten mir sehr zu schaffen, das Runterlaufen ging dann wieder ganz gut. Und so kam es, wie ich es unbedingt verhindern wollte. Auf den letzten Metern vor dem Gipfel ging das Licht aus. Mir war schlecht, leichter Schwindel setzte ein und ich fror(!) bei 25 Grad in der Sonne. Ich machte kleinere Pausen und setzte mich, um den Kreislauf am Laufen zu halten. Und beschäftigte mich ernsthaft mit dem Gedanken, das Rennen hier zu beenden. Vorher habe ich darüber gelächelt, bei Km 52 steigt man doch nicht mehr aus! Ich mag nicht garantieren, dass ich noch weitere 50 HM geschafft hätte. Der Triathlet drängte zum Aufbruch, ich haute mir schnell ein paar Nudeln rein. Etwa 15 Minuten saß ich, bevor wir aufbrachen. Böse Erinnerungen an die Partnachalm wurden wach.

Foto: Manuel Jakob

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man muss von Anfang an sein eigenes Rennen machen. Und so ärgerte ich mich, dass ich den Triathleten erst jetzt auf die Reise schickte. Ich musste mich erstmal sammeln und war mit mir selbst beschäftigt, er dagegen strotzte vor Energie und konnte mir nicht helfen. Ich ihm sowieso nicht. Und so flog er davon immer mit dem Ziel der sub12h vor Augen. Für beide von uns war das eine Erleichterung. Und ich dachte wirklich, jetzt geht es schön runter und ich werde schon wieder irgendwie ins Rennen kommen. Ständige Blicke auf den Höhenmesser ließen mich vom Glauben abfallen. Wir pendelten eine gefühlte Ewigkeit um die 2000 Meter Höhe. Und immer wieder die kleinen aber fiesen Anstiege. Und als wir wirklich Höhe verloren, passiert das auf einem giftigen Trail, der einem mit jedem Schritt sagen will, dass das Rennen noch lange nicht beendet ist. „Passo“ schallt es ständig und ich wurde regelrecht durchgereicht. Derartig angeschossen wagte ich mich nicht über das einigermaßen kontrollierbare Niveau hinaus. Ein paar Meter traben, dann wieder vorsichtig über die Steine. Irgendwie hatte ich in der ganzen Hektik vergessen, den Wechselservice für die Beine am Roque zu nutzen.

Foto: Cano Fotosport

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nach dem Tief kommt auch wieder ein Hoch. Bei mir war es ein mini-Hoch. Mir machte die Wärme immer noch sehr zu schaffen, aber die Bäume boten auch phasenweise Schatten. Ab und zu saß ein Läufer bei den Sanis und ließ die Schürfwunden versorgen. So viele Sanis habe ich noch an einer Strecke gesehen. Ich lobte mich für die Schuhwahl, der Salming Elements griff auf jedem Belag perfekt. Auch hier im staubigen Abstieg fühlte ich mich sehr wohl in dem Schlappen. Der nächste VP nach dem Roque ist dann auch schon der Einstieg zur „Vertikalen“. Mein Wasser war alle und der Anblick der Zelte bei Km 60 in Tijarafe war eine Erleichterung. Ich ließ mir Wasser über den Kopf schütten, trank die üblichen zwei Becher Cola und tastete mich weiter. Bis hierhin liefen am Donnerstag die Mutigen. Die Teilnehmer des „Km Vertical“ überwinden auf 7,2 Km 1.200 Höhenmeter. Also weit war es nicht mehr bis zum Strand von Puerto de Tazacorte. Aber was heißt das schon.

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Rechenspielchen kann man sich schenken. Ich war jetzt fast 12h unterwegs und rechnete plump, dass das Ganze jetzt noch eine gute Stunde dauern würde. Der Downhill auf dem „Römerweg“ mit Blick auf den Strand ist sicherlich einer der spektakulärsten der Kanaren. Zwischenzeitlich konnte ich auf dem Asphaltstück sogar locker 50 Läufer einsammeln. Ich wollte jetzt auf Nummer sicher gehen und nichts mehr riskieren. Der Zieleinlauf auf dem grünen Teppich auf Meereshöhe war ein Genuss, leider war er nur für die Marathonis. Für die Ultras hält der Transvulcania noch einen besonderen Schlussakkord bereit: ein 5 Km langer Aufstieg zum Ziel in Los Llanos garniert mit 400 Höhenmetern. So beschloss ich nochmal gut zu trinken, entleerte die Schuhe und walkte in den Canyon.

Foto: Cano Fotosport

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sei dir niemals zu sicher. Schon auf dem ersten relativ flachen Kilometer drehte sich einiges in meinem Magen. Nach der ersten Treppe hoch zur Straße haute mich dann irgendjemand um. Mir war plötzlich speiübel und ich zitterte. Der Mann mit dem Hammer? Ernsthaft? Ich musste mich setzen, obwohl ich eigentlich nur noch liegen wollte. Nach 10 Minuten und gefühlten 100 Nachfragen anderer Läufer, ob denn alles ok sei, schleppte ich mich weiter, um mich nach 50 Metern wieder zu setzen. 70,5 Km standen auf der Uhr. Das Ziel war so nah und doch so fern. Irgendjemand rief mir zu, dass das die Cola war. Eine mögliche Erklärung, drei Becher mit Eiswürfeln hatte ich unten getrunken. Es ging nichts mehr. Der Streckenposten holte seine Spar-Einkaufstüte mit Chips und Keksen aus dem Auto und wollte mir helfen, aber essen war so ziemlich das Letzte, was mir gerade in den Sinn kam. Ein Mädchen redete auf mich ein und half mir -nein, sie zog mich- hoch, so dass ich weitere 100 Meter gewann. Ich holte das Telefon raus und schrieb dem Triathleten, dass ich es nicht schaffe. Wer mal seekrank war, hat ungefähr eine Vorstellung davon, wie sich das anfühlte. Was für eine Prüfung. Dann traf ich weitere 100 Meter die einzig richtige Entscheidung, Finger in den Hals und den letzten VP nochmal durch den Kopf gehen lassen. Das funktionierte schlagartig, ich stand wieder und kotzte zwei Minuten später den Rest zur Sicherheit noch nach. Auch ein anderer Läufer saß mit dem gleichen Problem an der Leitplanke. Als ich weitere 200 Meter hochgegangen war, fuhr der Notarztwagen um die Ecke und die Sanitäterin fragte mich, ob jemand Hilfe brauche. Ich zuckte nur ahnungslos mit den Schultern. Kilometer 71: 55 Minuten.

Foto: Cano Fotosport

Und plötzlich war sie da. Die Zielgerade. Oft angepriesen ob ihrer blauen Farbe. Es ist tatsächlich nur der Radweg entlang einer vielbefahrenen Straße, aber in diesem Moment war es für mich der fliegende Teppich auf dem Weg in den Läuferhimmel. Ein anderer Läufer rief mir zu „let’s finish this fucking race“ und wir konnten beide zügigen Schrittes den letzten Kilometer laufen und genießen. Es war gar nicht die überbordende Erleichterung hinter den vielen Zielbögen (waren es hundert?). Ich war einfach nur happy, dass ich diese Medaille mitnehmen würde. Das Ziel war das Ziel und das war erreicht. Der Triathlet wartete nun seit fast zwei Stunden auf mich und ich freute mich sehr, ihn zu sehen – wenn auch mehr nach innen.

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dass man so einen Blödsinn unbedingt nicht wiederholen sollte. Also höre ich einfach mal auf diese Erfahrenen. Am 11.05.2019 um 6:00 Uhr habe ich etwas vor.

Foto: Manuel Jakob

Diesen geilen Clip hat der Triathlet zusammengeschnitten und ich finde, das ist eine wunderbare Erinnerung an einen intensiven Tag auf La Palma mit einem sehr versöhnlichen Abschluss.

5 Kommentare

  1. Marek 2 Jahren vor

    Wahnsinn. Das muss man erstmal sacken lassen. Was für ein Ritt über die Vulkane! Schon unglaublich, was man in 14h alles so erleben kann, vom Himmel in die Hölle und wieder zurück. Und das, obwohl alles so gut lief auf der ersten Hälfte. Bei allem Hadern über die eigene Leistung, solltest du nicht vergessen, dass du nicht 100% fit warst. Ich denke, das hat dich ab einem gewissen Zeitpunkt dann knallhart eingeholt. Das braucht man nicht viel drum herum fantasieren. Der Körper war zu diesem Grenzgang noch nicht bereit. Ich kann mir sonst schwer vorstellen, dass du von Cola so plötzlich ausgeknockt wirst. Das war dann einfach das I-Tüpfelchen auf den angeschossenen Kreislauf. Aber du hast diese krasse Situation wie auch immer gemeistert. Die Medaille bekommt sicher einen Ehrenplatz, um dich immer an diese Willensleistung zu erinnern. Wenn du nächstes Jahr über die Vulkane fliegst, wirst du dich fragen, wieso du da ein Jahr zuvor 14h zugebracht hast 🙂

    • Autor
      Henrik 1 Jahr vor

      Ehrenplatz ist sichergestellt. Ich hadere gar nicht mal mit der Leistung, mehr war halt an diesem Tag nicht drin. Und wenn man vorher das Ankommen als Ziel ausgibt, darf man nicht enttäuscht sein über das Ankommen. Die Strecke verzeiht nicht viele Fehler, insofern bin ich superfroh, dass es geklappt hat.

  2. Andreas 2 Jahren vor

    Wahnsinn, eine unglaubliche Willensleistung! Ich wünsche dir für nächstes Jahr etwas mehr Glück mit der Gesundheit!

  3. Martin 1 Jahr vor

    Was’n Brett. Auf sowas hätte ich ja auch mal Lust…

    Toll, dass du das durchgezogen hast. Kannst du mächtig stolz drauf sein.

  4. Brennr.de 1 Jahr vor

    Unglaublich, zu was man alles im Stande ist zu leisten.
    Zumindest Du. Ob ich das könnte, bezweifle ich stark.
    Daher ziehe ich ehrfurchtvoll meinen Hut vor Dir.

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