Zu zweit läuft's besser.

Tanz auf dem Vulkan

Tanz auf dem Vulkan
10. März 2016 Henrik

TGCEOS 13

Zweiter Anlauf, zweites Finish und zweites Lauferlebnis, das ich so schnell nicht vergessen werde. Der Transgrancanaria Advanced Ultratrail bot wieder das volle Programm und nichts davon habe ich ausgelassen. Bis auf eines: eigentlich wollten wir zusammen auf der Insel starten, aber für Marek war der Termin zwischen den Ferien nicht machbar. Also stürzte ich mich wieder allein auf die durchaus anspruchsvollen 81, 82 oder 83 Km – so richtig genau wusste das niemand zu sagen.

Im letzten Jahr zählte bei meinem ersten Ultratrail überhaupt nur das Finish. Darauf war ich allein schon ganz stolz, zumal das Training bescheiden war. Die Situation in diesem Jahr war eine völlig andere: gut 1.500 Trainingskilometer in den drei Monaten vor dem Rennen, keine ernsthaften Blessuren, eine gefühlte und im Wettkampf bestätigte sehr gute Form, dazu die Streckenkenntnis und ein paar Lessons learned aus dem Vorjahr – das zusammen ergab viel Selbstbewusstsein für die Wiederholung. Trotzdem war ich mir nicht sicher, ob der zweite Anlauf wirklich leichter würde.

Und leichter war er keinesfalls. Die Strecke wurde auf vielfachen Wunsch auf den letzten 15 Km angepasst und in meinen Augen deutlich verschärft, aber auch leicht verkürzt. Es geht nun nicht mehr den staubigen Schotterweg entlang, sondern einige feine geröllige Downhills, ein Flussbett und einen weiteren Anstieg mit etwa 200 HM. Damit waren die bisherigen Streckenrekorde obsolet und die Karten wurden neu gemischt.

TGCEOS 08Der Start ex Fontanales war wieder eine emotionale Achterbahnfahrt, wenn auch nicht ganz so schlimm wie 2015. Daniel Kumelis lief auch mit und wir konnten uns noch ablenken und ein Selfie twittern. Wir sortierten uns vorne ein, um nicht gleich in einen Stau zu geraten. Somit wurde ich nach dem verspäteten Startschuss fast über den Haufen gerannt. Nein, dieses Geschubse ist nichts für mich. TGCEOS 11Etwa 70 Läufer waren vor uns, als wir unser Tempo langsam fanden und die ersten Kilometer hinter uns gebracht hatten. Bis Teror (Km 13,6) blieben wir lose zusammen, Daniel rannte die Downhills irre schnell hinunter, ich hatte auf den noch rutschigen Steinen mehr Respekt. Ich ging die Wette ein, schon am Anfang die Anstiege etwas schneller zu erklimmen als im Vorjahr. Aber wie bemisst man „etwas“? In Teror waren wir jedenfalls deutlich unter 90 Minuten – das war eine Ansage.

Danach beginnt der längste Anstieg des Tages inkl. vieler Treppen und Gekletter zum Cruz de Tejeda. Auch hier überholte ich vereinzelt Läufer. War das zu schnell? Die Quittung wird später ausgestellt, soviel war sicher. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis ich am Kreuz war und endlich auf die gut laufbaren Trails runter nach Tejeda gehen konnte. Mir ging es gut. Mehr kann man nach 25 Km nicht feststellen, das Rennen ist noch sehr lang. Gut verpflegt mit Cola und Iso folgte dann der Aufstieg zum Roque Nublo. Daniel ließ sich unterhalb kurz blicken, ließ dann aber wieder abreißen. Der Routinier wusste seine Kräfte sehr gut zu schonen. Jetzt folgte für mich ein Tief, der Weg nach oben erschien mir so viel länger als im Training. Die Sonne kam nun raus und der Wolkenfels konnte in seiner ganzen Pracht bewundert werden. Keine Zeit dafür! Oben auf der Pendelstrecke kam mir Daniel entgegen, um dann auf dem Abstieg vorbeizufliegen. Es gibt einen Checkpoint am Ende der Pendelstrecke, den man nicht auslassen sollte (ist im Video zu sehen).

TGCEOS 15In Garanon befindet sich die „Mittelstation“ des Advanced-Laufs und die reichhaltigste Verpflegungsbasis mit Kleiderbeuteltauschmöglichkeit. Meine Stöcke gab ich dem Gregor, auch wenn sie mir bis dahin großartige Dienste geleistet hatten. Ich haute mir Pasta rein, weil ich bis dahin (Km 39) nur zwei Gels genommen hatte. Eine gute Wahl. TGCEOS 16Auf dem folgenden kurzen, aber steilen Anstieg zum höchsten Punkt der Insel, dem Pico de las Nieves, half mir das zwar noch nicht, aber diesmal zog es mir zumindest nicht den Stecker. Der eine Kilometer und die 300 HM sind eine Prüfung für alle Läufer, egal, ob auf Marathon, Advanced oder TGC. Hier sieht man schon mal Männer auf allen Vieren hochkriechen. Auf der Leitplanke der Gipfelstraße klebt das „noch 40 Kilometer“-Schild. Na bitte! Jetzt geht es (größtenteils) nur noch runter.

Aber auch das heißt nach den absolvierten Höhenmetern nichts Gutes für die Oberschenkel und die Füße. Viel Konzentration ist nötig, um keinen Abflug zu machen. Ich war in Garanon etwa 45 Minuten unter meiner Vorjahreszeit. Jetzt schon alles zu riskieren, wäre Blödsinn. Also ließ ich mich auf dem Downhill nach Tunte, der den für mich spektakulärsten Abschnitt der Strecke beinhaltet, einige Male überholen. Wer sich bis jetzt nicht mit dem Geröll und den Steinen angefreundet hatte, würde das heute nicht mehr tun. Der Transgrancanaria ist eine technische Angelegenheit. Tunte? Von da sind es doch „nur“ noch 32 Kilometer!

TGCEOS 17Das Tempo war nun bescheiden, aber immer noch ordentlich. Einige Abschnitte des Anstiegs hinter Tunte konnte ich sogar laufen und wieder den einen oder anderen einsammeln. Das machte Mut für das letzte Drittel. Oben ging es dann auf den neuen Streckenabschnitt, der mir erstaunlicherweise weniger Probleme als im Training bereitete. Die Freunde des gepflegten Geröll-Downhills kamen nun auf ihre Kosten. Es dauerte trotzdem eine Ewigkeit, bis der Stausee von Ayagaures sichtbar wurde. Wieder Cola, wieder Iso und schon war ich auf dem letzte Etappe des Tages. Für Gregor war ich zu schnell, er schaffte den Checkpoint nicht mehr mit dem Auto anzufahren. Wieder konnte ich ein paar hundert Meter auf der wirklich letzten Steigung des Tages (200 HM) laufen. TGCEOS 19Das bringt Minute um Minute. Jetzt begann ich leider zu rechnen und malte mir aus, dass ich die letzten 15 Kilometer in 90 Minuten schaffen würde. Das gelang aus Gründen nicht. Im Training lief ich durch das Flussbett mit frischen Beinen, nun stolperte ich mangels Fersenhub durch. Und es kam, wie es kommen musste, etwa auf Km 72 küsste ich die Steine. Schnell aufrappeln, schnell weiterlaufen, alles andere bringt nichts. Zum Glück nichts passiert, die Schmerzen würden sowieso erst später kommen. Leider zogen nach dem Sturz noch eine Handvoll Läufer vorbei, die ich aber wohl auch ohne diesen nicht hätte aufhalten können. 125 Km-Finisher Kersten hat diesen Teil der Strecke liebevoll den „japanischen Garten“ genannt.

Ich habe laut geflucht und die Kraftausdrücke möchte ich nicht wiederholen, das half, um endlich etwa 6 Kilometer vor dem Ziel auf die alte Strecke zu biegen. Ein Schotterweg – welch ein Genuss! Nun noch durchlaufen ohne Gehpausen. Leichter gesagt als getan und reine Kopfsache. Aber es klappte irgendwie und ich erlaubte mir den Luxus, beim allerletzten Verpflegungspunkt im „Flussbett des Grauens“ hinter der potthässlichen Autobahnbrücke von Playa del Inglès noch fünf Minuten zu vertrödeln. Ab Km 5 wird runtergezählt und da der Strand komplett umlaufen wird, konnte ich nochmal anziehen. Plötzlich gehorchen die Beine wieder. Ich höre das Geplärre vom Zielbereich. Ich sehe das Konferenzzentrum. Auf der Pendelstrecke der letzten 100 Meter fliege ich noch an einem Marathoni vorbei, um den Zielbogen ganz für mich zu haben. Und abrupt ist es beendet. Nach 10 Stunden und 50 Minuten. Im Tageslicht. Eine wahnsinnige Erleichterung bricht sich Bahn.

TGCEOS 22

Natürlich, ich hatte mir Ziele gesetzt. Plan C: Finishen, Plan B: im Tageslicht ankommen, also unter 12h, Plan A: Top 50. Nun ist es der 58. Platz geworden und bis zum 50. sind es einige Minuten. Aber ich hätte für diese Minuten eben viel mehr riskieren müssen. Und das war es nicht wert. Allein mehr als zwei Stunden schneller zu sein als im Vorjahr reicht mir aus, um zu wissen, dass dieser Transgrancanaria am Limit meiner Möglichkeiten war. Ich habe für dieses Ergebnis hart gekämpft. Trotzdem kann so viel passieren auf mehr als 82 Km und ich habe unverändert einige Dummheiten begangen. Aber: jeder, der diese im Rahmen seiner Möglichkeiten ins Ziel bringt, ist ein Sieger über sich selbst.

Schöner kann man dieses Erlebnis nicht bezeichnen: ein Tanz auf dem Vulkan.

TGCEOS 24

Wer sich für das Rennen der Elite interessiert, findet hier bei irunfar.com einen schönen Rennbericht.

10 Kommentare

  1. Marek 7 Monaten vor

    Boah, toller Bericht, tolle Impressionen, tolles Video. Da klingt schon einiges an Erfahrung und Souveränität mit, wenn man sich deine Chronik durchliest. Überhaupt finde ich, dass du auf den Bildern so gar nicht abgekämpft aussiehst. Warst du vorher immer nochmal kurz duschen oder warum ist das so? Junge, Junge, was für ein Brett, das da gebohrt werden musste. Ich kann da keinerlei Dummheiten erkennen. Eine wäre vielleicht gewesen, wenn du auf dem letzten Teil noch dramatisch eingebrochen und somit viel zu schnell angelaufen wärst. Aber das ist nicht passiert. Ein sehr konstantes Rennen, bei dem du immer zwischen Platz 50 und 70 gelistet warst. Krasser Mist! Meinen Respekt dafür hast du – ich habe umso mehr, wenn ich mir überlege, dass ich dir da bald hinterherhecheln muss…mir ist noch nicht klar, wie das gehen soll.

    • Autor
      Henrik 7 Monaten vor

      Mach dir mal keinen Kopf, ich hechele vorne auch ;). Zu den Dummheiten: ich habe an den VP generell viel Zeit liegenlassen, weil ich mir erst spontan überlegt habe, was ich essen oder trinken soll und dann völlig unkoordiniert umhergeirrt bin. Dann hat sich in Garanon das Ventil der Trinkblase verklemmt und bin 12 Km mit voller Blase gelaufen (anstatt das Ding reinzuklicken oder das Wasser wegzukippen). Zum Glück sind die Schuhe nicht aufgegangen, für diesen Klassiker bin ich auch gern zu haben. Und Videoclips machen Läufer auch nicht, die es ernst meinen, auch wegen der Sturzgefahr.

      • Twin Marek 7 Monaten vor

        Was du als Dummheiten bezeichnest 🙂 Mit dem Ventil hatte ich ja auch schon meine Probleme, bis ich mir mal eine neue Blase geholt hatte. Und ohne Videos wäre der Bericht doch nur halb so schön. Das ist keine Dummheit, das ist deine soziale Ader, uns Amateure an deinem Abenteuer teilhaben zu lassen.

  2. Markus 7 Monaten vor

    Glückwunsch auch von mir! Hört sich nach einem idealen Verlauf an – heißt das also, dass Du Dich nach diesem Ergebnis anderen Herausforderungen stellst oder gibt es doch im nächsten Jahr noch einen weiteren Optimierungsversuch?

    Die Frage, die ich mir beim Lesen gestellt habe: warum trinkst Du schon früh im Rennen Cola? Ich kenne das vom Marathon nur so, dass die die letzten Reserven mobilisieren soll? Vielleicht kam nach dem Zuckerschub ein Loch, weil der Stoffwechsel sich neu anpassen musste?
    Wie ernährt man sich generell auf so langen Kanten?

    • Autor
      Henrik 7 Monaten vor

      Hallo Markus, vielen Dank. Ob ich das Triple im nächsten Jahr vollmache, habe ich noch nicht entschieden. „Nur“ eine noch bessere Zeit rauszuholen, ist vielleicht etwas zu wenig Motivation und es gibt so viele spannende Alternativen. Der MIUT im April würde mich z.B. auch reizen.

      Ich habe mit Cola relativ früh gute Erfahrungen gemacht. Und ich habe damit erst ab Km 30 angefangen, weil ich bis dahin auch relativ wenig gegessen hatte. Eine generelle Ernährungsempfehlung ist unmöglich, es ist wie immer: man muss testen, was einem wann und wie am besten bekommt. Nur Gels funktioniert bei mir nicht, es muss zwischendurch auch festere Nahrung sein. Wobei ich auch nicht der große Trinker bin.

  3. Bianca Meyer 7 Monaten vor

    Toller Bericht und FANTASTISCHE LEISTUNG LIEBER HENRIK. Wenn ich mich jemals an so ein Rennen trauen sollte, dann werde ich definitive zuvor deine Expertise einholen. ich finde es unglaublich, wie du dieses Jahr 2h schneller laufen konntest als im Vorjahr.
    Kurzum: YOU ARE GREAT!

    • Autor
      Henrik 7 Monaten vor

      Danke, Chefin. Du wirst dich ganz sicher mal an so ein Rennen trauen, auch weil du körperlich beste Voraussetzungen hast. Und zu den 2 Stunden, ich sag nur: Training hilft. Es ist voll aufgegangen, mehr Umfang und weniger Höhenmeter zu trainieren. Auf den technischen Wegen ist der Kopf sehr wichtig. Wenn das Selbstbewusstsein da ist, das man sich im Training oder bei schnuckligen Winterwettkämpfen holt, gehst du anders damit um. Im letzten Jahr fehlte es ein Stück weit.

  4. boostthemietz 7 Monaten vor

    klasse Leistung. 82km kann ich mir kaum vorstellen und das dann noch bei dem Terrain! Wahnsinn!
    Vielen Dank für deinen anschaulichen Bericht. Da juckts ja fast in den Pfoten, aber ich bin leider etwas trittunsicher und da wär das wohl nichts.
    Erhol dich gut, damit du im Juni den Brocken erklimmen kannst!

    • Autor
      Henrik 7 Monaten vor

      Hallo Judith, danke für die Blumen. Vorstellen kann man sich so einen Ritt solange nicht, bis man es wagt ;). Trittsicherheit ist etwas, was man trainieren kann. Und der Brocken, der wird ja über die Panzerstraße erklommen, da kann man sich nicht vertreten. Wir sehen uns unten und oben.

  5. Granate! Ich musste zwei Mal lesen, wie viel schneller du gewesen bist! Herzlichen Glückwunsch auch an dieser Stelle dazu. Das ist wirklich ganz wunderbar! Hast du dich schon wieder erholt?

    Ein fantastischer Bericht, der uns Amateure aus dem tristen Alltag heraus in die Ferne lockt. Nun möchte ich all das nicht mitmachen, aber es wird Zeit, auch endlich mal nach Gran Canaria aufzubrechen. Aber vorher geht es erst einmal nach Lanzarote.

    Zu den Dummheiten – naja, etwas Spontanität muss ja wohl sein. Vielleicht hast du ja so intuitiv zum Richtigen gegriffen, was dein Körper dann direkt wollte/braucht, wenn auch umkoordiniert.

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