Zu zweit läuft's besser.

Fahren wird doch mal nach Kroatien!

Fahren wird doch mal nach Kroatien!
18. April 2019 Henrik

Vor ein paar Wochen saßen wir in einer Schwabinger Bar zusammen und Hannes erzählte beiläufig, dass er Anfang April nach Kroatien zu einem Ultratrail fahre. Der Istria 100 ist der größte und bekannteste Trailrun Kroatiens. Auf Gran Canaria hatte mir Marin schon von seinem Heimrennen berichtet, so ganz unbekannt war mir das Event also nicht. Kurzerhand schlossen sich der Triathlet und ich an und meldeten für den „Green Course“ – die 67 Km-Strecke mit etwa 2.500 Höhenmetern von Buzet im Landesinneren nach Umag an der Küste. So saßen wir am Donnerstag bereits im Auto und düsten durch Österreich in das kleine, aber feine Land an der Adria. Was uns erwarten würde, wussten wir nicht so recht. Der Besuch Kroatiens war eine gute Entscheidung. Wir hatten ein tolles Wochenende mit einem ereignisreichen Wettkampf – genau dafür lieben wir unseren Sport.

Die perfekte Organisation des Rennens hat uns überrascht. Es war wirklich alles durchdacht. Die Prüfung der Pflichtausrüstung erfolgte bereits beim Checkin in Umag, wohin wir uns am Freitagnachmittag im Laufschritt bewegten. Selbst die Busnummer für den Shuttle zum Start wurde vergeben. Dazu gab es das Istria 100-Bier, das Teilnehmershirt und die Socken von Compressport. Für 70 Euro Startgebühr ein schönes Paket. Leider zeigte sich das Wetter am Freitag noch von der schlechten Seite. Der Regen hörte aber in der Nacht zum Samstag auf. Für die 100 Km- und 100 Meilen-Läufer war das natürlich ein schwacher Trost. Auf dem höchsten Berg wurde sogar Schneefall gemeldet.

Die Busse brachten uns am Samstagmorgen zum Start in Buzet. Erst um 12:00 Uhr ging es los, damit kam ein Großteil des „Green Course“ erst im Dunkeln ins Ziel. Inklusive meiner Wenigkeit. Zumindest mussten wir so nicht ganz früh aufstehen. Ein wenig warmlaufen und mit anderen Teilnehmern plaudern, die Zeit verging recht schnell. Wir waren alle ziemlich entspannt, bei jedem anderen Rennen war ich aufgeregter als hier. Wir waren uns eigentlich sicher, dass die 8 Stunden machbar sind, da die Anstiege zwar zahlreich, aber immer recht kurz waren – es ging jeweils maximal 400 Höhenmeter aufwärts.

Peng! Geschätzte 100 Läufer wetzten los. Der Triathlet und ich sortierten uns gleich mal in den Top 10 ein. Zweiter Kilometer unter 4 Minuten – kein Kommentar. Hannes hielt sich clevererweise etwas zurück. Die ersten 10 Kilometer waren schon knackig. Wir liefen schöne Downhills, kreuzten mehrmals einen Bach und stapften im kroatischen Matsch. Meine Befürchtung, dass die Strecke viel zu rutschig sein könnte, trat aber nur hier auf dem einen Kilometer ein. Nach dem ersten VP überholte mich der Triathlet bereits. Mir ging es ganz gut, aber das Tempo war viel zu hoch. Nachdem die Meute etwa 200 Meter an der Abzweigung vorbeilief, verlor ich dann einige Plätze. Ich merkte schon, dass ich nicht versuchen brauchte, an ihm dranzubleiben.

Der Abstieg zum Stausee lief ganz ordentlich, zwei der sechs Anstiege und etwa 800 Höhenmeter hatten wir nun bereits hinter uns. Auf der flachen Geraden am See merkte ich, dass es etwas schwerer ging. Die Sonne brach zeitweise durch und es wurde merklich wärmer. Auf Anstieg 3 hatte ich schon größere Probleme, die Beine fühlten sich richtig bleiernd an. Hannes flog vorbei und ich machte keine Anstalten, ihm zu folgen. Also etwas langsamer nach oben, entsprechend durchgereicht wurde ich. Ein Riegel machte es nicht wesentlich besser. Zu hohes Anfangstempo? Sicher, aber der Einbruch war dann doch etwas zu heftig.

Für ein paar Kilometer ging es wieder runter auf einem sehr schönen Singletrail. Hier machte ich wieder ein paar Plätze gut, im Schatten fühlte ich mich wohler. Mir schwante schon Böses für den Anstieg nach Oprtalj. Gerade mal 25 Km waren auf der Uhr, dieses Rennen sollte noch sehr lang werden. Und es kam, wie es kommen musste. Nach 100 Metern Aufstieg musste ich mich zum ersten Mal setzen. Mir war schwindelig und kalt trotz der Sonne. Ich ging sehr langsam hoch, um dann kurz darauf eine längere Pause an einem verlassenen Haus einzulegen. Ich hatte keine Kraft mehr und erwägte, bei Km 35 rauszugehen. Das schrieb ich dann auch gleich in unsere WhatsApp-Gruppe. Nach etwa 10 Minuten ging ich sehr langsam weiter hoch. Pause. Wieder 100 Meter. Dann rief der Triathlet an.

Er hatte natürlich meine Nachricht gelesen und meinte lapidar, ich solle halt gehen, wenn ich nicht mehr laufen kann, nur aussteigen, nein, ich müsse doch finishen. Ich sagte, ich wolle mich erstmal bis zu dem Checkpoint durchkämpfen und dann weitersehen. Und vor dem Checkpoint lag eine wunderbare, abfallende, schattige Straße. Das machte mir wieder Mut und schon lief ich wieder. Am VP verpflegte ich mich gut und in aller Ruhe, kippte zwei Cola rein und -was scheerte mich mein Geschwätz von vor 20 Minuten- ging auf die Strecke. Wenn auch mit Handbremse.

Da es langsam aber sicher kühler wurde, wir liefen auf den Sonnenuntergang zu, fühlte ich mich wieder wohler. Die 7 Kilometer bis zur Marathonmarke liefen zwar nicht blendend, aber ich lief immerhin größtenteils. Den sechsten und damit letzten größeren Anstieg habe ich gar nicht richtig mitbekommen, schon ging es wieder runter. In der Abendsonne traf ich beim vorletzten VP bei Km 46,3 ein. Irgendwie wuselten da immer die gleichen Läufer rum. Angesichts des angenehmen Restprofils wollte ich nun noch ein wenig aufs Gas drücken, um wenigstens noch ein paar Plätze wiedergutzumachen.

Ein sehr langes Forstwegstück forderte nochmal den Kopf, bis die Uhr endlich auf 50 Km umstellte. Ich flog zwar nicht durchs Feld, aber konnte immer mal wieder überholen. Trotzdem blieb es anstrengend. Auf den Downhills hatte ich eine gute Geschwindigkeit, hoch dagegen war jeder Schritt ein Kampf. Man konnte jetzt an einigen Stellen die Adria sehen. Zum letzten Checkpoint in Buje gingen wir nochmall 80 Meter nach oben. Ich blieb bei einer halben Banane und machte mich ans Finish. Auf dem Downhill fing ich das letzte Licht der Sonne ein. Die letzten Kilometer würden nun zwangsläufig im Dunkeln absolviert werden müssen.

Ein sehr schöner Singletrail führt direkt nach Umag, immer am Fluß entlang. Ich beschloss, endlich den Österreicher und eine Frau zu überholen, die bereits gefühlte 10 Mal an mir auf den Anstiegen vorbeigezogen waren. Bis zum Ziel überholte mich niemand mehr. Es war aber so stockduster, dass ich 2 Km vor dem Ende doch noch die Stirnlampe rausholte, um dann festzustellen, dass der Akku leer war. Nur wenige Läufer hatten ihre Lampen angeschaltet. Und endlich, um 20:35 Uhr -also nach etwa 8,5h-, lief ich in das Ziel. Angesichts des Einbruchs so früh im Rennen war ich glücklich, es trotzdem zu Ende gebracht zu haben. Der anderen beiden Jungs warteten schon über eine Stunde auf mich!

Ja, ich habe das etwas unterschätzt. 67 Km klingt erstmal nicht dramatisch, aber das Höhenprofil mit kurzen, aber häufigen Anstiegen war am Samstag in Istrien nicht mein Freund. Das schlagartig warme Wetter und der viel zu schnelle Rennauftakt haben dann dazu beigetragen, dass es mich schnell zerlegte. Etwas mehr Erfahrung hätte ich hier ausspielen müssen. Es hat trotzdem viel Spaß gemacht, allein wieder ein Wochenende mit den anderen Verrückten unterwegs zu sein und in so schöner Umgebung laufen zu können, dafür hat sich die Umsetzung der „Schnapsidee“ aus der Schwabinger Barnacht absolut gelohnt.

5 Kommentare

  1. Brigitte 1 Monat vor

    Tolle „Schnapsidee“ .

    Gibt es bei dem Wettkampf auch kürzere Strecken, oder nur die zwei 100er und Euren 67er?

    • Autor
      Henrik 1 Monat vor

      Aber ja, auch noch den Marathon ;).

  2. Frank 1 Monat vor

    Hallo Henrik,

    einen 100-km-Lauf zu schnell anzugehen ist geradezu grotesk für einen solch gestandenen Läufer wie Dich. Wie kann man solche Anfängerfehler machen? 🙂 Die Naturgesetze lassen sich verdammt nochmal nicht überlisten, das war doch schon immer so.
    Der Spott ist Dir also gewiss.

    Danke für den kurzen und interessanten Laufbericht. Der hat mich an meine einzige (!) Lauf-Katastrophe meines Lebens in Berlin erinnert, als nach 26 km Schluss für mich war. Der Rest des Marathons war eine pure Gemeinheit.
    Vielleicht laufe ich eines Tages, kurz vor der Rente, auch mal die 100 km. Natürlich mache ich es auch dann wie bei jedem meiner „kurzen“ Marathons bisher: Immer etwas langsamer anfangen und oft auf die Laufuhr schauen. Denn Erfolg ist eine Frage der Taktik, nicht des Gefühls. 😛

    Sportliche Grüße vom notorischen
    Großstadt-Marathonläufer

  3. Din 1 Monat vor

    Auf was für Ideen man manchmal kommt,… Sieht nach einer wirklich sehr schönen Landschaft aus und nach einem an sich tollen Lauf. Herzlichen Glückwunsch zum erkämpften Finish!

  4. Andreas 4 Wochen vor

    Glückwunsch, dass du es noch durchgezogen hast! Die Strecke sieht wunderschön aus, ist aber für mich wohl im wahrsten Sinne des Wortes zu hoch 😉

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