Zu zweit läuft's besser.

Heißgelaufen

Heißgelaufen
26. Februar 2019 Henrik

Meloneras, 23.02. 17:19 Uhr Ortszeit: das Team Forstenrieder Park läuft zusammen über die Ziellinie des Transgrancanaria Advanced. Nach etwa 65 Kilometern durch die Bergwelt Gran Canarias waren nur einen Tick später als erwartet im Ziel. Es war der erwartet harte Arbeitstag, der um 9:00 Uhr in Artenara begonnen hatte.

Schon die ganze Woche lag eine durch Sahara-Winde (Calima) bedingte Hitze über Gran Canaria, selbst einer der Top-Favoriten Hayden Hawks fürchtete in der Vorstellung der Eliteläufer, dass es auf dem letzten Teil der Strecke eine Hitzeschlacht werden könnte. Kurz vor dem Start in dem Bergdorf Artenara zeigte das Thermometer angenehme 17 Grad. Etwa 800 Wagemutige stürzten sich in die Schlacht. Wir hatten uns vorgenommen, den ersten Teil etwas schneller anzugehen und dann nach hinten raus zu schauen, was im „Backofen“ noch möglich ist. Eine Zeit unter 8 Stunden erschien uns nach den Streckenchecks der Vortage realistisch.

Das Feld wurde erstmal einen Kilometer hoch und runter geschickt, um es etwas zu entzerren – eine gute Idee, damit es auf dem ersten Singletrail nicht gleich staut. Ich heizte mit los, um nicht zu weit hinten mit der Kletterei zu beginnen. Und hatte den Triathleten gleich verloren. Die Höhenmeter bis zum Cruz de Tejeda gingen recht locker. Wir hatten uns den Weg am Dienstag angeschaut. Sehr schöne Aussichten auf den Roque Bentayga waren inklusive. Ich war aber sehr fokussiert, um mich bloß nicht langzulegen. Auf Stöcke habe ich von vorneherein verzichtet, da es viel nach unten ging. Nach Tejeda runter zum ersten Checkpoint nach 12 Km führt einer meiner Lieblings-Downhills. Und hier ging schon die Post ab. Nach nur 75 Minuten knipste mich Gregor am Checkpoint. Eine halbe Banane und einen halben Liter Wasser nahm ich mit und lief weiter.

Der Anstieg zum Roque Nublo (etwas 1.650 m hoch) ist der längste dieser Strecke, aber nicht übermäßig steil oder anspruchsvoll. Die etwa 600 Höhenmeter ging ich mit zwei Damen, die sehr schnell unterwegs waren. Zum Glück knallte die Sonne noch nicht durchgängig auf den Berg, so dass es viele schattige Passagen und einen leichten Wind gab. Aber selbst dafür reichte mein Wasservorrat nicht aus. Das dritte Gel hatte ich noch vor dem Gipfel vertilgt. Dort läuft man eine Pendelstrecke bis zur Messung am Stein und dann wieder zurück. Ich traf den Triathleten nicht, so dass er also mindestens 5 Minuten Rückstand haben musste. Checkpoint 2 befindet sich auf dem Campingplatz von Garañon bei Km 22,5. Dafür muss man aber erst zum Staudamm runter und dann etwas 200 Höhenmeter wieder hoch. Ich hasse dieses Stück und war komplett leergelaufen, als ich knapp unter 3h Laufzeit eintraf. Also erstmal ein paar Minuten relaxen. Gregor informierte mich, dass der Triathlet in Tejeda etwa 10 Minuten zurück war und gleich hier sein müsse. Da mir klar war, dass er der bessere Finisher ist und mich sowieso noch einholen würde, zog ich weiter.

Die nächste Überraschung wartete unterhalb des Picos de las Nieves. Die Rampe des Grauens mit 300 HM wurde einfach ausgelassen und wir liefen auf dem Hang am Gipfel vorbei. In dem Moment störte mich das nicht am geringsten. Mit Beginn des Abstiegs traf ich für 30 Minuten keinen anderen Läufer mehr. Es lief wieder flüssig und den Römerweg runter zum Cruz Grande habe ich seit jeher ins Herz geschlossen. Rüber über die GC60 und zack war ich nach etwa 4h schon auf dem Teilstück oberhalb des Stausees Presa de Chira. Der führt erstmal stetig hoch und mein Wasser neigte sich schon wieder dem Ende zu. Im Training sind wir das Stück bis Ayagaures (16,3 Km und 350 HM) in 2,5h abgelaufen, was ist heute möglich?

Mir kam sogleich ein telefonierender Läufer entgegen, dessen Mittelfinger in einer hässlichen Position hing. Ja, die Strecke ist fies. Selbst auf den laufbaren Passagen muss man immer aufpassen. Die Steigungen strengten mich jetzt heftig an und ich lief nur die schattigen Passagen, wenn überhaupt. Bis zum Verpflegungspunkt bei Km 37,6 war es gefühlt doppelt so lang wie im Training. Als ich nach etwa 4:50h eintraf, war ich nur 5 Minuten hinter dem Plan, aber dafür auf der letzten Rille. Wieder ein Liter Cola und mir ging es etwas besser. In der letzten Stunde war ich recht langsam unterwegs und rechnete damit, dass der Triathlet auftaucht. Aber ich musste allein weiterziehen.

Die 10 Km nach Ayagaures sind sehr schön und beinhalten kaum noch Höhenmeter. Wer noch gute Beine hat, kann hier angreifen. Mir war aber nicht mehr so danach. Das Geröll und die zunehmende Hitze machten mir zu schaffen. Von hinten kamen immer mal wieder schnellere Advanced-Läufer, überholen tat ich dagegen die „Blauen“ – die 128 Km-Läufer, die bis hierhin schon unglaubliche 15 Stunden auf den Beinen waren. Bis zum „Hang von Ayagaures“ lief es solide, es war nicht schwer vorauszusehen, was da bevorstand. Der Hangweg ist eigentlich keiner, auf keiner Karte gibt es diesen Weg, dementsprechend provisorisch ist er. Und die Nachmittagssonne ballerte auf den Berg. Ich schob mich langsam runter, einzig von der Hoffnung getragen, dass unten die Crew wartet und mich irgendwie abkühlt.

Bei den Verpflegungspunkten hätte ich mir es wie auf La Palma gewünscht: eine Person mit Wasserschlauch oder Wassertonne. Ich lief an unserem Airbnb-Haus vorbei und Max schaltete schnell und steckte mir Eiswürfel unter den Rucksack und ins Shirt. Am VP aß ich zwei Happen Paella und haute mir den Liter Cola rein. Ich hatte die schlimmsten Befürchtungen, dass das Flussbett im Nachbartal noch heißer werden würde. Und wunderte mich, dass der Triathlet immer noch nicht da war. Aber er hatte auch mit der Wärme zu kämpfen. Also entschied ich mich nach 5 Minuten um 15:08 Uhr, auf die letzten 17 Km zu gehen. Vor zwei Jahren bin ich da im Dunkeln langgetorkelt. Ganz so übel sollte es heute nicht mehr kommen.

Die letzten 150 Höhenmeter der Reise am Rande des Barrancos de Ayagaures forderten gleich wieder alles und ich war mir nicht so sicher, ob ich nochmal anlaufen kann. Also immer schön walk & run – damit schafft man eine gute 8er Pace. Im Flussbett war es dann zwar warm, aber immer wieder schattig und leicht windig. Das machte mir etwas Mut. Und dann brüllte plötzlich jemand „una meta“ und zack stand der Triathlet neben mir. Er nahm einen Riegel von mir, von deren dreien ich keinen einzigen angerührt hatte und stürzte davon. Überraschen tat mich das nicht, bei einer zügigen 5er Pace könnte er noch die 8h schaffen. Ich hatte diese Zielmarke längst zu den Akten gelegt.

Steine, Steine, Steine, diese 9 Km sind eine mentale Herausforderung. Ich blieb bei meiner Taktik, immer mal wieder auch auf den Steinen zu laufen und zu gehen und kam damit ganz gut voran. Die 10 Km-Marke machte mir wieder Mut. Dass ich nach 55 Km so dermaßen durch sein würde, hätte ich am Morgen nicht erwartet. Aber das ist Ultra. Da kann man nicht alles planen. Ich war ganz klar im Kopf und wollte das Ding jetzt sicher nach Hause bringen. So furchtbar schlecht lagen wir sicher nicht, mir ging es verhältnismäßig gut und im Ziel würde sich niemand vor Scham eingraben müssen. Raus aus dem Flussbett auf den Schotterweg unter der Autobahn und dann traute ich meinen Augen kaum – der Triathlet lief etwa 100 Meter vor mir. Ich holte ihn schnell ein. Für uns war sonnenklar, dass wir nun zusammen zu Ende laufen. Es war nach dem langen Lauf ein schönes Gefühl, dass das Team nun wieder vereint war.

Am letzten VP „Parque Sur“ gab es schon Bier. Wir trabten zu „Love isn’t always on time“ ins Ziel, aber auch die letzten zwei Kilometer taten noch weh. Um 20 nach 5 standen wir mit dem Bier hinter der Ziellinie und stießen auf einen harten, aber am Ende erfolgreichen Lauf an. Und gleich darüber zu sinnieren, welche Strecke wir im kommenden Jahr angehen.

 

Mein 6. Transgrancanaria war wieder eine großartige Erfahrung. Auch auf der „Kurzstrecke“. Bestimmt wird es für mich auch im nächsten Jahr wieder heißen „Una meta un sueño“. Die 128 Km des „Transgrancanaria“ sind nochmal eine große Herausforderung. Mein Auftritt von 2017 ist mir auf vielen Streckenpassagen wieder sehr lebendig in Erinnerung gerufen worden. Warum will ich nicht ausschließen, dass im nächsten Jahr der Start am Playa de las Canteras in Las Palmas sein wird? Der Triathlet wird sich das sicher auch gut überlegen. Bis dahin bestreiten wir aber noch das Innsbruck Alpine Trailrun Festival, den Transvulcania und den Zugspitz Ultratrail zusammen. Viel Platz für weitere schöne Laufgeschichten.

Venga, venga!

2 Kommentare

  1. Brigitte 6 Monaten vor

    Wunderbar. Gratulation.

    Und Gregi – es schaut wohl danach aus, daß Du nächstes Jahr wieder auf Gran Canaria Foto-Ulaub machst

  2. Marek 6 Monaten vor

    Ein souveräner Auftritt von euch beiden! Man merkt schon deutlich, dass du dieses Terrain sehr gut kennst und ziemlich genau weißt, wie du dich in den Situationen verhalten musst. Dazu noch die unsägliche Hitze, die man aus dem kalten Winter bei uns ja so gar nicht gewöhnt ist. Ganz großes Kino, das ihr da abgeliefert habt. Das schreit nach Wiederholung, aber ob es wirklich der lange Kanten sein muss, solltet ihr euch in Ruhe überlegen. Das ist ja doch nochmal eine ganz andere Nummer. Erholt euch und genießt den Erfolg!

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