Zu zweit läuft's besser.

Azores Triangle Adventure – und was für eines

Azores Triangle Adventure – und was für eines
14. Oktober 2017 Henrik

Eigentlich passte dieser Etappenlauf nicht ansatzweise in meine Saisonplanung, wenn ich überhaupt von einer seriösen Planung sprechen konnte. Dieses Jahr sollte ein Übergangsjahr werden, mit dem ZUT und dem Swissalpine kamen zwei Ultratrails eher spontan dazu. Im Hochsommer trainieren für einen Lauf Anfang Oktober – das hat bei mir noch nie gut funktioniert. Aber ich wollte unbedingt dieses Abenteuer mitlaufen, egal, in welcher Form ich bin. Und ich habe es nicht bereut, dass ich mich gleich angemeldet hatte, nachdem der Veranstalter mich netterweise auf den Anmeldestart hingewiesen hatte. Es gibt nur 90 Startplätze für diesen sehr speziellen Lauf. Für etwa 270 Euro wahrlich kein Schnäppchen. Dafür wird so einiges geboten. Das Wort Abenteuer kann man durchaus wörtlich nehmen.

Nach einem heißen Stopover in Lissabon flogen wir direkt nach Pico. Hier wollte ich mich 2 Tage akklimatisieren, bevor es an die Erstürmung des Picos ging. Wir waren auf Regen, Sturm und Kälte vorbereitet. Vor drei Jahren hatten wir die Inseln das erste Mal besucht und waren vom ruppigen und wechselhaften Wetter beeindruckt. Aber das Azoren-Hoch zeigte sich diesmal von seiner schönsten Seite und bescherte uns schwüle 28 Grad. Sicherlich besser als Regen und Wind, aber für mich nicht ganz unproblematisch, wie ich an den drei Renntagen erfahren musste.

Etappe 1: „From Vineyards to Mountain“ auf Pico

Auf etwa 28 Km und 2.500 HM belief sich die Vorhersage für den Aufstieg auf Portugals höchsten Berg. Die Stimmung war bestens, als wir um 9:00 Uhr in Madalena auf die Reise geschickt wurden. Gute 15 Km ging es noch kreuz und quer unterhalb des Bergs entlang, am Anfang durch die unter UNESCO-Welterbeschutz stehenden Weinstöcke. Allein das ist spektakulär genug für einen Lauf. Der erste VP kam erst bei Km 13 auf etwa 250 Metern Höhe. Bis dahin hatten sich schon so einige verausgabt, da durfte ich nicht fehlen. Ich war auch viel zu flott unterwegs – 45 Minuten für die ersten 10 Kilometer. Das große Wandern begann ab etwa Km 16, es ging durchs Gestrüpp und nur noch nach oben. Die Hitze tat mir nicht gut und ich merkte schnell, dass ich mit dem einem Liter Wasser in den Softflasks nicht auskommen würde. Gut 20 Läufer musste ich passieren lassen, bevor es auf dem Anstieg zur Berghütte endlich kühler und nebliger wurde. Als wenn man den Hebel umlegen würde, ging es mir schlagartig besser. Bei Km 23 wartet der Checkin am Pico und endlich wieder Verpflegung. Man bekommt einen GPS-Sender, ohne den niemand auf den Berg gehen darf. „Nur noch 4 Kilometer“ meinte der Gregor lässig.

Diese 4 Kilometer haben es aber in sich, denn sie bieten mehr als 1.200 Höhenmeter. Am Anfang steigt man noch locker durch große Steine, aber sehr bald wird es steil und aus den Steinblöcken wird scharfes Vulkangestein, das oft nur auf allen Vieren zu bewältigen ist. Eine irre Kletterpartie, die viel Kondition und Geduld erfordert. Der beste und schnellste Weg ist selten eindeutig auszumachen und im Nebel kann man schnell die Orientierung verlieren. Nach etwa 500 HM ist die Wolkenschicht durchstiegen und die Sonne knallt auf den Berg. Ein erhabendes Gefühl, über den Wolken zu sein. Trotzdem ging es für mich weiterhin nur sehr langsam und mit angezogener Handbremse voran. Ein paar Kletterer konnte ich bis zum Gipfel noch überholen. Der Zieleinlauf bestand aus einem Flatterband und einem Zeitnehmer mit Messgerät. Ich war heilfroh, dass ich irgendwo im Mittelfeld oben angekommen war und den Ausblick genießen konnte. Nicht zu unterschätzen ist, dass man die 4 Km wieder runterwandern muss. Auch das ist nochmal anstrengend und mit müden Beinen nicht ganz ungefährlich. So manche Passage ist leichter zu klettern als runterzugehen.

Der Pico war also in etwa 4:45h bezwungen. Mit dem Auftakt war ich absolut zufrieden, schnell noch die Massage in der Hütte mitgenommen und runter ging es mit dem Auto in die Sonne nach Madalena. Das gemeinsame Abendessen in der Sporthalle ist nicht weiter erwähnenswert, zu viel kulinarische Ansprüche darf man nicht mitbringen. Trotzdem ist es bewundernswert, wie die Einheimischen mit anpacken und sich über dieses außergewöhnliche Ereignis freuen. Wir sind durchweg herzlich empfangen worden.

Etappe 2: „Fajas Trail“ auf Sao Jorge

Bereits um 8:40 Uhr legte die Fähre nach Sao Jorge ab. Heute stand der vermeintlich schönste Landschaftslauf des Abenteuers auf dem Plan. 90 Minuten Überfahrt und nochmal 90 Minuten Busfahrt zum Start zehrten an meinen Nerven. Nach dem Snack erfolgte der Start in der Mittagshitze um 12:00 Uhr. Da ahnte ich schon, dass es für mich kein guter Tag werden würde. Die Meute wetzte wie von der Tarantel gestochen den Hang zur Küste 300 Höhenmeter runter, in meinen Schuhen sammelten sich Steine und in meinem Hirn die Erkenntnis, dass ich noch sehr viel zu üben habe, was Bergablaufen angeht. Aber geschenkt, bereits auf Pico war klar geworden, dass das Gehetze auf den ersten Kilometern völlig sinnfrei ist. Später werden aus gewonnenen Sekunden verlorene Minuten (aber wem sage ich das eigentlich). Wir blieben ein Weilchen an der Küste und gingen die erste Rampe an – 500 HM wieder hoch. Es gab keinen Flecken Schatten und mein Körper schaltete direkt in den Überlebensmodus. Ich brauchte mehrere Pausen und schleppte mich im Schnecktempo voran. 25 Minuten für einen Kilometer – der erste Tod war gestorben. Mir war abwechselnd heiß und kalt, ein Zeichen für einen Hitzschlag. Ziemlich weit hinten im Feld reifte die Erkenntnis, dass es nun nur noch ums Ankommen ging. Unschöne Erinnerungen an den Pitztaler Almenweg vor einem Jahr beim TAR wurden lebendig.

Von der Schönheit der Insel bekam ich nicht viel mit, ich war sehr mit mir selbst beschäftigt. Einen Kilometer ging auf die Steine am Strand. Auch nicht so „mein“ Terrain. Ich nahm alles Wasser mit, was ich finden konnte, zum Glück gab es ein paar Trinkbrunnen an der Strecke. Mir machte der zweite Anstieg große Sorgen. 700 Höhenmeter folgten noch, um über den Berg auf die andere Seite der Insel zu kommen. Zum Glück lag dieser Weg im Wald. So ging es zumindest langsam hoch, sehr langsam. Wieder hatte ich viel zu wenig Flüssigkeit dabei, das eine oder andere Hitzeopfer kreuzte meinen Weg. Ich habe ja schon so einige Anstiege in meinem Läuferleben mitgemacht, aber der eigentlich harmlose kommt sicher in die Kategorie der niemals endenden. „Henrik, wenn du die Medaille am Sonntag haben willst, musst du heute ankommen.“ Also Schritt für Schritt über den Berg. Es wurde wieder laufbarer und nach dem 2. VP auf dem höchsten Punkt der Strecke hatte ich mich wieder etwas sortiert und runtergekühlt. Ein traumhafter Downhill führt auf die Nordküste zu. Endlich wieder laufen! Einige Läufer konnte ich überholen. Auf Küstenhöhe ging es allerdings nochmal 5 wellige Kilometer bis ins Ziel. Nach oben konnte ich aber keinen Schritt mehr laufen, der Kopf weigerte sich. Und so walkte ich mehrheitlich ins Ziel, das auf einer Landzunge vor der Steilküste lag.

27 Kilometer waren heute sehr, sehr lange 27 Kilometer. Nur 10 Minuten weniger als gestern hatte ich für die gleich lange Strecke mit 1.000 Höhenmetern weniger gebraucht. Aber bei einem Etappenlauf gilt es, jede Etappe zu finishen. Mund abputzen, Schuhe wechseln, duschen, ich freute mich trotzdem sehr auf das große Finale!

Etappe 3: „Volcanoes Skymarathon“ auf Faial

Das Finale hielt, was es versprach. Eine betörende Strecke auf einer wunderschönen Insel. Schon der Start auf der beim letzten Vulkanausbruch 1957 entstandenen Halbinsel Capelinhos ist spektakulär. Der fast verschüttete Leuchtturm ist das Wahrzeichen. Im Besucherzentrum gab es noch ein Frühstück, bevor die Meute um 11:00 Uhr ins Rennen ging. 42,6 Km und nochmal etwa 2.000 Höhenmeter über so ziemlich alle Vulkankegel waren zu bewältigen. Die ersten beiden Gipfelchen waren schon knackig, zumal auch die Sonne wieder ihren Teil beitrug. Ein paar Federn musste ich gleich lassen, aber als es nach dem ersten VP auf die Levada ging, konnte ich 8 Kilometer schön trailen. Es war angenehm kühl und die gesamte Levada stieg nur minimal an. Zudem gab es genug Wasser.

Es folgte ein 200 HM-Anstieg zum Rand des Caldeira, der Vulkankrater. Der Kraterrundweg hat etwa 8 Kilometer, von denen wir etwa 6 mitnahmen. Sicherlich eine der spektakulärsten Wanderungen auf den Azoren. Ich fragte mich, ob es hier ein Strava-Segment gibt. Nun war der Halbmarathon geschafft. Ich plauschte mit deutschen Wanderern, die mich bereits vor 2 Tagen am Pico gesehen hatten. Gregor wartete ein Stück vor dem Parkplatz. Ich konnte ein paar Läufer einsammeln auf der Runde, was wohl am kühlenden Nebel lag. Den VP bei Km 23 nahm ich in aller Ruhe mit und dann ging es schon runter auf die Serpentinen. Der Ascheweg war mir wohlbekannt und auch hier ging es mir gut, so dass ich einige Läufer kassieren konnte, die ihre Oberschenkel wohl gern gegen meine getauscht hätten. Die schnellsten 5 Kilometer der drei Etappen standen nun auf der Uhr. Das führte leider auch dazu, dass das Rennen immer einsamer wurde. Für 10 Kilometer traf ich keinen einzigen Läufer mehr. Bis zum letzten VP bei Km 36 wurde es nochmal zääääääh und so manche Gehpause hat niemand gesehen. Geschenkt gab es nichts bis zum letzten Meter. Ein 200 HM-Anstieg ließ noch ein letztes Mal die Oberschenkel brennen, bevor Horta in Sicht kam.

Ich war nun sicher, dass ich es deutlich unter sechs Stunden schaffen würde und trabte runter in die Seglerstadt. Der Zieleinlauf nach etwa 100 Kilometern des Triangle Adventures war eine große Erleichterung. Geschafft!

Etappe 4: Fazit

Fahrt auf diese Inseln! Die Azoren sind ein Trailrunning-Paradies. Der ATA-Etappenlauf ist ein ganz besonderes Event, eine Perle im Kalender der Inselläufe. Organisatorisch hat das ATA noch Potential, aber wer hier die Perfektion eines Transalpine-Runs erwartet, ist falsch. Leider ist die Verständigung für alle nicht-portugiesisch-sprechenden Teilnehmer nicht immer ganz einfach, aber Läufer verstehen sich auch mit Händen und Füßen. Sportlich war es für mich keine Offenbarung, aber angesichts der dünnen Vorbereitung konnte ich mit Gesamtplatz 44 in etwas über 15 Stunden von 94 Finishern sehr zufrieden sein. Ich konnte viel mehr mitnehmen als eine Medaille: wir haben tolle Menschen kennengelernt und sind in einer bezaubernden Landschaft gelaufen. Wir kommen wieder.

 

8 Kommentare

  1. Marek 1 Monat vor

    Hast du super gerockt. Beim ersten Mal zahlt man ja immer Lehrgeld und dafür bist du doch wirklich passabel über die Berge gekommen. 7000HM sind ja nun kein Pappenstiel! Das ist ja ein halber TAR und das nur an 3d. Richtig stark.

    • Autor
      Henrik 4 Wochen vor

      Noch 4 weitere Etappen ab Sonntag: unvorstellbar ;(.

  2. Cindy 4 Wochen vor

    Tolle Inspiration, sollte ich auch mal laufen. Glückwunsch zum Erfolg. LG Cindy

    • Autor
      Henrik 4 Wochen vor

      Danke, Cindy. Die Strecke wäre bestimmt was für dich.

  3. Andreas 4 Wochen vor

    Glückwunsch, das war ja ein tolles Laufabenteuer! Mich juckt es in den Füßen, aber ich glaube, da müsste ich läuferisch erst mal auf ein anderes Level kommen, um mich an solche Höhenmeter wagen zu können 😉

    • Autor
      Henrik 4 Wochen vor

      Bin ja auch nur hochgeGANGEN. Das GEHT schon ;).

  4. Din 2 Wochen vor

    Ich hatte ja schon den Vorbericht gelesen und war beeindruckt. Nun bin ich es noch mehr – von den Eindrücken und deiner Leistung. Es ist sicher eine tolle Erfahrung innerhalb so kurzer Zeit diese Inseln intensiv sportlich näher kennenzulernen. Herzlichen Glückwunsch zu diesem Finish.

    • Autor
      Henrik 5 Tagen vor

      Danke, Nadin. Die Natur ist weit beeindruckender gewesen als meine Leistung. Aber ob nun Platz 44, 34 oder 24… was macht das für einen Unterschied, wenn man das Privileg genießt, hier laufen zu dürfen.

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